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Die olympischen Winterspiele 2006 könnte man um eine interessante
Disziplin erweitern. Austragungsort wäre Berlin-Wedding, Startpunkt
der U-Bahnhof Seestraße. Dann müssten die Athleten die Müllerstraße
hinunterlaufen, allerdings statt langweiliger schwarzer Nummern auf
den Trikots mit Mohammed-Karrikaturen auf dem Rücken. Und dann
mal gucken, wer am weitesten kommt. Ich tippe, spätestens beim
arabischen Gemüsehändler Ecke Lüderitzstraße wäre
Schluss. Wenn man in dessen Laden geht, um einen Kopf Salat zu kaufen,
hat man ohnehin immer schon das Gefühl, der würde am liebsten
seine ganz private Sharia durchführen und einen mit Avocados steinigen.
Wäre auch eine interessante Alternative für Lebensmüde,
die bräuchten dann die BVG nicht weiter zu behelligen, denke ich
so, während ich am Alhambra-Kino vorbeilaufe, wo meine Nachbarn
Schlange stehen, um in die Abendvorstellung von „Kurtlar Vadisi“,
zu Deutsch: „Tal der Wölfe“, zu kommen. „Sorry,
Leute, ausverkauft! Morgen wieder!“, ruft einer vom Kino. Albernerweise
zeigt das Alhambra den Film nämlich immer noch nur in zwei Sälen
parallel, in den anderen läuft der übliche Kram, den hier
sowieso niemand guckt. Edmund Stoiber fordert heute in der Bild die
Absetzung von „Kurtlar Vadisi“. Stoiber wörtlich: „Ich
fordere die Kinobetreiber in Deutschland auf, diesen rassistischen und
antiwestlichen Hass-Film sofort abzusetzen.“ Und weiter klagt
Stoiber an: „Dieser unverantwortliche Film fördert nicht
die Integration, sondern sät Hass und Misstrauen gegen den Westen.“
Das geht natürlich nicht. Von einem türkischen Film muss man
ja wohl verlangen können, dass er Integration und Vertrauen in
den Westen fördert. So wie die ganzen schönen Hollywood-Streifen
es ja auch seit jeher auch tun, in denen Islam-Gläubige schließlich
durch die Bank als freundliche Verfechter des Guten auftauchen. Eine
„eindeutige Stellungnahme“ des türkischen Premierministers
will Stoiber auch noch dazu hören, denn wer sonst sollte für
einen türkischen Film verantwortlich sein wenn nicht die türkische
Regierung? Süß. Und dann soll wahrscheinlich Angela Merkel,
die ja jetzt für alle Konflikte auf der Welt höchstpersönlich
zuständig ist, einen Entschuldigungsaustausch vermitteln: Der dänische
Premier bittet um Verzeihung für die Karrikaturen, der türkische
für „Tal der Wölfe“. Leider weigern sich die Kulturen
ja nach wie vor hartnäckig, voneinander zu lernen. Was nutzt denn
dieses weinerliche stoibersche Gejammer? Die Jungs haben uns doch hinreichend
demonstriert, wie das geht. Eine ordentliche Demo von 500.000 lederbehosten
Bayern durch München und einfach die türkische Botschaft anzünden,
dann wären wir doch wieder quitt.
Ach so, und natürlich das obligatorische Flaggenverbrennen. Die
dänischen und türkischen Fahnen haben doch dieselben Farben.
Da könnten die Textilfabriken ja gleich weitermachen und die Dinger
halt in zwei Versionen nähen, das ist doch wahnsinnig praktisch.
Und ein gutes Geschäft. Denkt denn plötzlich niemand mehr
an Wachstum und Wirtschaftsstandort? Und die Kino-Krise? Ist doch schön,
wenn schon die deutschen Zuschauer wegen ihrer anhaltenden Konsumverweigerung
die Lichtspielhäuser an den Rand des Ruins treiben, wenn wenigstens
unsere zugezogenen Wirtschaftsfreunde die Branche retten.
Aber stattdessen dieselbe windelweiche Haltung wie im Karrikaturenstreit.
Plötzlich trauen sich die Religiösen aus allen Ecken wieder
aus der Deckung und fordern mehr Respekt respektive in Wirklichkeit
natürlich einfach mehr Einfluss. Da dürfte mancher deutsche
Bischof in den letzten Wochen ein erleichtertes „Allah sei Dank“
geseufzt haben, dass die Muslime den von den Christen ja schon weitgehend
aufgegebenen Kampf um die kulturelle Hoheit im Lande nun mal wieder
richtig auf Touren bringen. Natürlich sind die dänischen Karrikaturen
zumindest teils schäbig und blöd, und im dänischen Kontext
zweifelsfrei ausländerfeindlich. Aber seit wann interessiert das
denn bitte schön die Libyer, Iraner oder Indonesier, wie die Dänen
mit ihren Minderheiten umspringen? Und wieso sollen sich plötzlich
alle nach religiösen Gefühlen von allen möglichen Leuten
richten? Meinetwegen können die alle glauben, was sie wollen. Sie
sollen doch nur gefälligst andere damit in Ruhe lassen und denen
nicht vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben. Wenn die Muslime
kein Schwein essen mögen – bitte sehr. Dann bleibt mehr davon
für die anderen übrig. Das ist ohnehin praktisch, denn mit
Hühnern ist ja schließlich wohl bald Essig. Und wenn sie
Mohammed nicht abbilden wollen – auch gut. Wer braucht noch mehr
doofe Heiligen- und Prophetenbildchen? Ist doch eh schon alles voll
mit dem Krempel. So ein Abbildungsverbot könnte man doch auch mal
im Vatikan in die Diskussion bringen. Aber nein, plötzlich wollen
alle mehr Respekt für Religion. Auf die sie sich dann wie George
Bush berufen, um den nächsten Krieg anzuzetteln, oder wie im Iran,
um homosexuelle Jugendliche zu hängen oder ehebrechende Frauen
zu steinigen.
Auf der Seestraße begegnet mir die Nachbarin von gegenüber.
Sie grüßt mich freundlich wie immer. Und sie ist ordentlich
verschleiert wie immer. Wäre ich jetzt zu Hause, könnte ich
gleich vielleicht einmal mehr beobachten, wie sie in ihr Zimmer geht,
in das ich von meinem Schreibtisch aus problemlos Einblick habe, wie
sie ihren Schleier abwirft, sich auszieht, nackt vor ihrem Kleiderschrank
steht und neue Sachen heraussucht. Ob es dafür auch irgendwelche
Vorschriften gibt? Macht sie sich sündig oder strafbar oder wasweißich,
weil sie ständig vergisst, die Vorhänge zuzuziehen? Gäbe
es dafür in Teheran eine Kieslasterladung auf die Birne? Oder würde
irgendein Mullah eine Fatwa gegen mich aussprechen, wenn er erführe,
dass ich die Dame in regelmäßigen Abständen zwar nicht
gerade freiwillig, aber doch sehr gut und nicht ohne Interesse wiederholt
sehr freizügig betrachte? Oder müsste ich mich bzw. mein Fenster
jetzt verschleiern, damit ich das nicht sehen kann? Ich weiß es
nicht. Mir schwirrt der Kopf. Ich habe Hunger.
Das Alhambra hat ein großes Pappschild in die Auslage gehängt.
„Kurtlar Vadisi – heute Zusatzvorstellungen um 23 Uhr und
23.15 Uhr.“ Ich gehe zu Tarek in den Saray-Imbiss und bestelle
mir einen Köfte-Teller. „Wie geht´s dir?“, fragt
er mich freundlich wie immer. „Weiß auch nicht“, antworte
ich ihm seufzend, „alle wahnsinnig geworden da draußen.“
Er nickt verständnisvoll. Wie immer.
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