Oder:
Was passiert, wenn die Metaebene unter den Subtext gekehrt wird?
Versuch einer Annäherung an den „intellektuellen Monat“
der Brause-boys.
Von Dr. phil. Volker Surmann.
(21.2.07)
Im Februar 2007 veranstaltete
die Berliner Vorlesebühne „Brauseboys“ [zur Definition
des Begriffes „Vorlesebühne“ vgl. den Artikel „Vorlesebühne“
bei Wikipedia] den so genannten „intellektuellen Monat“.
Dieser wurde angekündigt mit den folgenden Zeilen:
„Die BRAUSEBOYS können auch anders! Als erste Lesebühne
Berlins zielen sie auf das literarische Establishment, denn im vierten
Jahr ihres Bestehens kamen sie auf die Idee, über das nachzudenken,
was sie schreiben. – Eine nie gekannte Erfahrung, denn als Lesebühnenautoren
waren sie es bis dato ge-wohnt, zum Schreiben Word zu benutzten und
nicht ihr Gehirn. Doch ab jetzt gilt: Der Topos der 'Alltagsgeschichte'
kann im Lesebühnendiskurs getrost im Wortsetzkasten des Feuilletons
verbleiben. Die Brauseboys treten ein in den in-tertextuellen Dialog
der Post-Postmoderne: "Keine Geschichte mehr ohne Sub-text!"
ist ihr Credo im Februar. In ihren Reihen verfügen die Brauseboys
über einen promovierten Linguisten, einen Wissenschaftsredakteur,
einen Ornitholo-gieprofessor, ein feuilleton-prämiertes 'intellektuelles
Rückgrat' sowie 21 abge-brochene Studiengänge und einen microsoft-zertifizierten
Netzwerkadministra-tor. Wenn nicht sie intellektuell sind - wer dann?“
Vordergründig handelt es sich bei diesem Text um eine Pressemitteilung.
Doch schon diese enthält – wie sollte es sein? – natürlich
einen Subtext, eine tiefer gehende Bedeutungsebe-ne, die allen mit der
Materie vertrauten Rezipienten deutlich sagt: Dies ist keine Pressemit-teilung,
dies ist ein literarisches Manifest.
Was passiert in diesem Manifest? Fünf begabte, jungekreative, kluge,
hochintelligente, ta-lentierte, aufgeweckte, gescheite, scharfsinnige,
brillante, gut aussehende Autoren, ach was!, Geistesgrößen
kündigen Intellekt an unter der ausgesprochenen Selbstbezichtigung,
diesen zuvor nie benutzt zu haben. Ist dies eine Bankrotterklärung
des Lesebühnenbetriebs? Ist dies eine Streitschrift mit ähnlich
brisantem Inhalt, wie Wim Wenders Brief an die evange-lischen Kirchen?
Ist dies eine Kampfansage an alle anderen Lesebühnen? Gab es von
Sei-ten anderer Berliner Lesebühnenautoren Anfeindungen als Reaktion
auf dieses Manifest? Morddrohungen oder noch schlimmer, negative Blogeinträge?
Nein, denn das Manifest des intellektuellen Monats persifliert nicht
die Lesebühnen an sich, sondern das Bild von ihr. Denn die Geschichte
der Berliner Lesebühnen ist eine Geschichte voller Missverständnisse,
vergleiche z.B. Apin 2006 in der taz: „Mit großer Kunst
haben sie nichts am Hut, sie wollen einfach nur Geschichten aus ihrem
Alltag erzählen“. Auch Markus Schneider (Goetheinstitut 2006)
betont als Kennzeichen der Lesebühnen die „Alltagsnähe
der Texte, die Skepsis ge-genüber literarischen Konventionen“.
Mit anderen Worten: Im traditionellen Literaturbetrieb gelten die Lesebühnen
als verwilderte Straßenköter, die es überall im Stehen
machen. Im intellektuellen Monat zelebrierten die Brauseboys das demonstrative
Beinchenheben an den Insignien des literarischen Estab-lishments, bei
gleichzeitiger Aufforderung an die reinrassigen Zuchtpoeten, daran mal
or-dentlich zu schnüffeln. – Der intellektuelle Monat als
kulturelle Reviermarkierung - zum einen im Feld der Lesebühnen,
zum anderen im Feld des Wedding – zwei unwirtliche Orte, an de-nen
viele Kulturschaffende alles außer Geist vermuten. Die Brauseboys
begaben sich auf diese Weise ins Milieu dubioser Gestalten die am „so
genannten Nauener“ herumhängen und arglose Passanten mit
der Frage behelligten „Ey, wilsste Geist?! Is krass billisch grad!
Is intellektuelle Monat. Aber Vorsicht Alda, hat Metaebene, haut voll
in Kopp...“
Der intellektuelle Monat wurde von den Lesebühnenpoeten also als
Experimentalperforman-ce konzipiert und durchgeführt, die Abgrenzung
vom Literaturbetrieb durch den inszenierten Wiedereintritt in denselben
ironisiert und zugleich ins Paradox geführt. Dieser Satz führt
zur Frage: Was heißt denn das nun wieder?
Im Laine-Art wurde ein vermeintlich hochkulturelles Ambiente aus schwarz
verhängten Lese-tischchen, Blumenvase und Wasserglas kreiert. Dazu
kamen Portraits von historischen Geistesgrößen an der Wand,
ein Auftreten in existenzialistischem Schwarz sowie ein de-monstratives
Zur-Schau-Tragen von akademischen Titeln, die kein Mensch braucht.
Die vollendete Doppelbödigkeit des intellektuellen Monats zeigte
sich jedoch erst in der Ernsthaftigkeit der Akteure mit dem Umgang des
Sujets, die jeden parodistischen Ansatz weit hinter sich ließ,
sondern zugleich auch inhaltlich einen Wiedereintritt in die Sphäre
der intellektuellen Hochkultur vollzog und den Brauseboys die Bezeichnung
„Meta-Boys“ ein-brachte.
Einziges verbindendes Element zwischen Brauseboys und Meta-Boys war
die Kontinuität von Personen und Bühnenraum, wovon sich letzterer
als beständiger erwies. Der rotbraune Teppich, auf dem die Vorlesebühne
seit vier Jahren agiert, verband Lesebühnenalltag und intellektuelle
Scheinperformance. Der Teppich besagt quasi: „Was auf mir gerade
stattfindet, sind die Brauseboys. Ich bin die übergeordnete Metaebene,
die die Jungs gerade mit Füßen treten.“
Unter den rotbraunen Teppich der Metaebene konnten dann auch diverse
Subtexte gekehrt werden – wahlweise vom literarischen Akteur oder
dem Publikum, denn das Spiel mit dem intellektuellen Gehalt wurde bis
auf die Spitze getrieben. Auf diese Weise wurde der intellek-tuelle
Monat der Brauseboys im Februar 2007 zu einem hochironischen Themenmonat
mit einem gleichzeitigem Tiefendiskurs über die Lesebühnenkultur
bei gleichzeitiger Kritik des literarischen Establishments, insbesondere
einer Kritik der Literaturkritik bei gleichzeitiger Anbiederung an dieselbe
und vollzogenem Wiedereintritt in die Sphäre der innovativen Lite-raturproduktion
durch eine ironisierte paradoxe Abnabelung von ihr. Das führt selbstredend
zur Frage: Spielen die Autoren mit dem Gestus der intellektuellen Überheblichkeit
oder nur mit der eigenen kognitiven Überforderung? Mit anderen
Worten: Hat Volker Surmann annä-hernd eine Ahnung, von dem, was
er gerade schreibt, oder tut er bloß so? Ist dieser Beitrag zum
Abschluss des intellektuellen Monats eine ernsthafte Reflexion oder
ironisch gebrochen oder beides und wenn das, wie viele Metaebenen und
Subtexte besitzt dieser Text und kann Volker sie eigentlich noch zählen?
Die Perfidität des literarischen Experiments im intellektuellen
Monat bestand aber darin, dass das Lesebühnenpublikum in den Versuchsaufbau
integriert wurde und zwei Stunden lang, oftmals noch viel länger,
in intellektuelle Geiselhaft genommen wurde und die Zu-schauer überraschenderweise
die Intellektualität der Beiträge antizipierten, also als
gegeben vorweg nahmen, obwohl die Meta-Boys eigentlich nicht viel andere
Texte vorlasen als sonst die Brauseboys.
Trotzdem trug das Zusammenspiel von Text, Verfasser, Konsument und Stehlampe
gele-gentlich zur kognitiven Überforderung von Teilen des Publikums
bei, wie einige symptomati-sche Beiträge im Gästebuch der
Brauseboys belegen:
"Schweres Nachdenken ist schon etwas anderes als das Anpusten von
Zierbommeln an einer Stehlampe!" (Zitat vom 8.2.)
"Also ich muß echt sagen das diese Interlektuelle abende
mir echt zu hoch sind." (1.2.)
"Ihr seid mir zu abgehoben! Hört auf zu elaborieren &
kommt mal wieder auf den Bo-den der Tatsachen." (8.2.)
"Ich bin verwirrt - aber glücklich!" (15.2.)
Man kann also schlussfolgern: Allein die Inszeniertheit des intellektuellen
Ambientes trug zur intellektuellen Wirkung der Texte bei. So kann man
als wesentliches Fazit des intellektuellen Monats der Brauseboys –
und als Kern dieser Betrachtung - die folgende Erkenntnis festhal-ten:
Der intellektuelle Gehalt eines Textes hängt nicht von den Gedankengängen
ab, die sich der Autor beim Abfassen macht, sondern allein davon, ob
beim öffentlichen Vortrag eine Schnittblume neben dem Mikrofon
steht oder nicht.