BERLIN.
Es ist ein strahlender Vorfrühlingsmittwoch, der uns alle
äußerst freigiebig mit Sonnenschein und milden Temperaturen
beschenkt. Ein Tag zum Helden zeugen, ein Tag um Kaiser zu krönen,
ein Tag, um als Brauseboy auf Tour zu gehen. Um kurz nach 10 Uhr,
einer Zeit also, zu der Berufstätige in düsteren Gängen
von Berliner Verwaltungsbunkern zur ersten Raucherpause schlurfen
und nicht Berufstätige sich mit ihrem Fallmanager treffen,
gibt Robert Rescue in der Wohnung von Heiko Werning bekannt: „So,
mein Gepäck und den Schlafsack hab ich jetzt hier. Frank
wartet im Laine-Art auf uns.“ „Wieso im Laine-Art?
Wieso kommt er nicht her?“ „Das hat er aber gemailt,
dass er im Laine-Art wartet, und wir ihn da mit dem Auto abholen.“
„Davon weiß ich nichts. Ich ging davon aus, dass er
auch hier herkommt.“ „Nee, das hat er doch gemailt,
dass er im Laine-Art mit dem Bücherkarton auf uns wartet,
und wir ihn dort abholen und dann losfahren.“ „Aha.
Davon wusste ich trotzdem nichts.“ „Komisch, er hats
doch aber gemailt, dass er im Laine-Art wartet auf uns und wir
ihn da mit dem Auto abholen sollen. Mit dem Bücherkarton.“
„Ich weiß davon trotzdem nix.“ „Aber wo
er’s doch gemailt hat, dass er im Laine …“ Rüde
wird der kleine Informationsaustausch von einem dritten Mitreisenden
unterbrochen: „Mann, wir wollten schon seit 15 Minuten unterwegs
sein. Lasst uns den Typen holen, den Kram einpacken und dann los.“
Verstummt willigen die anderen durch Nicken in diesen Hammerplan
ein. Eine halbe Stunde später, viele Zigaretten später
und den Umweg über das Laine-Art, wo wir Frank abgeholt und
eingepackt haben, beschleunigen wir auf der Seestraße in
Richtung Süden. Der Motor unseres Skoda Fabia surrt wie eine
glückliche Nähmaschine. Jaa, da freut sich das kleine
Autütütüt, dass es endlich mal wieder raus darf
aus der Stadt. Sonne, trockenes Wetter und die Aussicht auf eine
Reise nach Rheinland-Pfalz lassen die Stimmung im Wageninneren
schon nach wenigen Minuten in Richtung angenehm tendieren. Da,
plötzlich, scheint es, als ob himmlische Engelschöre
schön, hoch, laut und verkündigungsvoll zu singen beginnen,
weil ein auserwählter Hohepriester den Tempel betritt, um
die Bundeslade zu öffnen. Aus der geheimnisvollen Tasche,
die Robert Rescue in diesem Moment weihevoll öffnet, als
wäre es die Bundeslade und er, Robert, ein auserwählter
Hohepriester, aus dieser Tasche ergießt sich gleißendes
Licht ins Wageninnere, das alle blendet und ehrfürchtig verstummen
lässt. Robert Rescue, der Beifahrer Gottes, schickt sich
an, eine von ihm gefertigte heilige Schrift aus seinem Gepäck
zu nehmen: den Routenplaner. Stolz präsentiert St. Robert,
oder auch, wie ich ihn schalkhaft nenne, „The Extrem explainin
Brain“ eine glänzende Mappe, in der er vor seiner Karriere
als Routenplanmanifestierer sinnlose Bewerbungen an Firmen verschickte,
die an seinen herausragenden Fähigkeiten nicht im geringsten
interessiert waren. Nun hatte die Plastik-Mappe endlich ihre endgültige,
göttliche Bestimmung gefunden, sie, diese unscheinbare, einfache
Mappe würde uns den Weg nach Südhessen und Nordost-Rheinland-Pfalz
weisen. Jawohl! Wir würden uns keinen Zentimeter verfahren,
wir nicht! Noch auf der Seestraße, direkt an einem großen,
unübersehbaren Straßenschild mit Autobahnzeichen und
dazugehörigem Geradeaus-Pfeil drauf, welches Heiko, unser
Fahrer, bereits hunderte Male passierte, erteilt Robert mit einer
Stimme, die keinen Widerspruch duldet, folgende Weisung: „Wir
müssen erstmal geradeaus. Folgen sie der A 100 für 6,39
km. Und dann erreichen sie die Autobahn“ „Ah, danke
für den Hinweis.“ sagt Heiko. Wir sind on the Road
again, der Sonne entgegen, die von uns, weit weg im Süden,
geputzt werden will. Der Wagen der tschechischen VW-Tochter liegt
sicher wie ein Schienenfahrzeug auf dem guten deutschen Schnellfahrbitumen,
mit atemberaubenden 120 Kilometer pro Stunde, Heiko scheut sich,
schneller zu fahren, rasen wir dem Ort unseres Tourauftakts entgegen:
Mainz. Stadt des Frohsinns, Stadt des ZDF, Stadt des, äh,
ja, Kulturcafes auf dem Uni-Campus, das wir am Abend in ein schillerndes
Showcasino verwandeln werden. Auf dem Rücksitz unseres Nightliners
für Hartz IV-Empfänger kuscheln Frank und Nils sich
an die Mitfahrerin ran. Sarah kommt aus Marburg, wo wir auch auftreten
werden, was sie mit organisiert hat, wir werden sie in Gießen
absetzen und bis dahin nutzen Frank und Nils, die einerseits seit
Stunden, andererseits seit Wochen schon Körperkontakt zum
weiblichen Geschlecht entbehren müssen, jede Gelegenheit,
um scheinbar unaufdringlich, aber sanft, Hüfte mit Hüfte
oder Oberschenkel mit Oberschenkel oder Fuß mit Fuß
kollidieren zu lassen. „Ui, mir wird warm.“, sagt
Sarah. Ja, das spüren wir.
Viele Stunden und einige Körperkontakte später erreichen
wir die Wiesbadener Stadtgrenze. Durch diese Stadt müssen
wir durch, um nach Mainz, am anderen Ufer des Rheins, zu gelangen.
Nun schlägt die große Stunde von Mister GPS, Robert
Rescue. „So, jetzt sag mal an, wo wir lang müssen!“,
fordert Fernfahrer Heiko Werning, der Teddybär 1-4 der Brauseboys,
Unterstützung an. Robert öffnet weihevoll seine Mappe
und hebt zur Predigt an: „Verlassen Sie die die B 455 und
fahren sie weiter geradeaus auf die Boelkestraße. Folgen
Sie dem Straßenverlauf für 2,23 Kilometer.“ Heiko
tut wie geheißen. Bis er fragt: „Und nu?“
„Fahren Sie in den Kreisverkehr Ludwigsplatz und verlassen
sie ihn an der dritten Ausfahrt in die Ludwigsrampe.“ „Hier
kommt kein Kreisverkehr.“ „Der Routenplaner sagt aber,
dass da einer kommt.“ „Wenn du deine Augen mal vom
Routenplaner weg auf die Straße blicken lässt, dann
siehst du keinen Kreisverkehr.“ „Na dann weiß
ich auch nicht.“ „Hast du denn keine Straßenkarte
ausgedruckt?“ „Nö. Ich hab doch hier meinen Routenplaner.“
„Kannst du da bitte mal ein Feuerzeug ranhalten und ihn
verbrennen? Der führt uns hier ins Nirvana, aber nicht nach
Mainz! Ich halte jetzt an, du steigst aus und fragst irgendwen
auf der Straße.“ Heiko tut wie geheißen, Robert
tut wie geheißen, irgendwie ist die Temperatur im Wagen
frostig geworden, es riecht nach Scheibenreiniger. Robert kommt
zurück. „Wir müssen umdrehen und zurück und
dann rechts. Mehr sag ich jetzt nicht.“ Kurze Zeit später
erreichen wir das Universitätsgelände, wo unser Spielort
liegt. Das Auto wird geparkt, Fahrer und Beifahrer steigen aus
und reden kein Wort miteinander und gucken böse. Die erste
Krise ist da. Robert und Heiko zerstritten. Aber warum sollte
es den Brauseboys besser gehen als anderen Größen des
Showgeschäfts? Man denke nur an David Gilmore und Roger Waters,
Thomas Anders und Dieter Bohlen, Paul McCartney und John Lennon.
Zerstritten, geschieden, erschossen. Oh oh. Wird heute, hier auf
der Bühne in Mainz, der Stadt nahe Hessen, eine Bombe platzen???
Seid gespannt auf den zweiten Teil der Tourbiographie: „Unterwegs
mit Jungs“.
Teil
zwei: Mainz, Show.
Brumm. Brumm. Brumm. Dröhn. Stöhn. Nicht schön. Es
ist entweder ein steinalter rheinland-pfälzischer Kühlschrank
oder die GEZ-Gebühren-Geldzählmaschine des ZDF, die hier
so brummt. Das ganze Kulturcafe ist erfüllt von tiefem, ehrlichem,
für den Verursacher vielleicht sogar behaglichem Brummen. Vereinzelt
tauchen ja in den Medien immer wieder Menschen auf, die behaupten,
ständig von einem tiefen Brummen geplagt zu werden, was nur
sie hören können und kein anderer. In diesem Moment, hier
im Kulturcafe Mainz, kann ich nachempfinden, welches Höllengeräusch
diese armen Menschen peinigt. Denn hier peinigt es uns alle. Außer
Heiko: „Ach, das ist doch nicht schlimm, das hört doch
keiner.“ Doch, ich höre es. Brumm. Brumm. Es ist einfach
nicht möglich, eine leise Textstelle auch leise zu lesen, weil
sie dann weggebrummt wird. Außerdem sitzt die erste Zuschauerreihe
mindestens drei Meter, gefühlt aber 10 Meter, von der Bühne
entfernt. Schon allein deshalb muss man hier lauter sprechen. Heikos
Behauptung über das Brummen, „Das hört doch keiner!“
trifft später dann auf meinen Anglerrap „Fischers Fritz
fischt frische Fische“ zu. Während der Nummer rennt Technikhonk
Volker „Colonel“ Surmann panisch zum Mischpult, um das
viel zu laute Playback leiser zu stellen. Er erwischt dabei jedoch
den Regler fürs Mikrofon, was ich sofort bemerke und lauter
rappe. Nein, belle. Ich belle meinen Text ins Mikrophon, was aber
nix nützt, da das Mikro ab sofort nicht mehr verstärkt.
Ich könnte in diesem Augenblick genau so gut wie der Fisch,
über den ich rappe, einfach nur die Kiefer auseinander und
wieder zusammenklappen, denn ich bin überhaupt nicht zu hören.
Fragende Augen aus dem Zuschauerraum bemustern meine rätselhafte
Darbietung. Was macht der da? Was soll das? Haben wir dafür
Eintritt bezahlt?? Die brutale Erkenntnis, dass diese Glanznummer
gerade überhaupt nicht funktioniert, lässt mich spontan
den Text vergessen. Das fällt aber niemandem auf, weil mich
ja niemand versteht. Ich komme mir vor wie ein Missionar, der gerade
eben auf Papua Neuguinea ein wildes Urwaldvolk entdeckt hat und
diesem auf altmittelhochdeutsch eine Predigt hält. Dann ist
der Rap, den keiner verstanden hat, Gott sei dank fertig. Die Leute
klatschen. Auch sie sind erleichtert. Irgendwann ist dann auch das
Bier leer und wir fahren in die Wiesbadener Wohnung, die uns zum
Nächtigen leichtsinnigerweise zur Verfügung gestellt wurde.
Naja, wir fahren nicht gleich. Wir stehen ca. eine Stunde im Freien
vor einem der beiden Autos, mit denen wir fahren sollen, herum.
Denn der Schalldämpfer des Fiat ist abgefallen und würde
beim Fahren keinen Schall mehr dämpfen, sondern durch Schleifen
auf Asphalt starkes Schrammeln verursachen und Funken sprühen.
Daher ruckeln der Wageninhaber und unser Handwerkergenie Frank Sorge
wie von Sinnen unter dem Wagen, im Schmutzschnee liegend, an diesem
Schalldämpfer rum. Gib ihn her, du Dreckskarre, lass jetzt
los, der gehört uns. Irgendwann haben sie ihn abgerissen, und
die Hälfte der Brauseboys fährt mit einem Fiat Punto,
der röhrt wie eine miserabel getunte Vespa, durch die Nacht.
Im anderen Auto fragt Frank Robert, ob er mal dessen Handy haben
könne, um seine Freundin anzurufen. Sein Handy geht nicht,
die T-Com hats totgemacht, wegen Geld oder so. Franks Freundin,
sagt er, ruft dann auch auf Roberts Handy zurück, damit die
T-Com oder wer auch immer nicht auch noch Roberts Handy wegen Geld
tot macht. Und tatsächlich, sie ruft zurück. Vorm Schlafengehen
in der Wohnung präsentiert Robert dann noch sechs Dosen gutes
Efes-Pils, gerade an einer Wiesbadener Dönerbude erstanden
für nur 11 Euro 60. „11,60 hab ich dafür gezahlt,
ey, mann, 11, 60! Für sechs Dosen! Die spinnen doch hier in
Wiesbaden. Also, ich mach das nicht noch mal. Wenn ihr in den nächsten
Tagen noch Bier trinken wollt, bitte sehr! Ich hol nix mehr. 11,60!
Für sechs Dosen. Ich glaubs ja nicht!“ Was Robert dann
noch erzählt, weiß ich nicht mehr, weil ich einschlafe.
Vom Bier trinke ich nix, ist mir zu teuer. 11,60, für sechs
Dosen, die spinnen doch!
Am Morgen dann steht Volker als erster auf, denn er muss den Parkschein
erneuern bzw. die Parkuhr füttern oder die Parkscheibe neu
einstellen, damit wir keinen Strafzettel kriegen. Frank und ich
gehen in die Küche, um Kaffee zu machen. Vorm Kühlschrank,
ganz nah dran, in Kuscheldistanz, liegt ein Schlafsack, der gefüllt
ist mit etlichen Kilogramm Robert Rescue. Weil wir ihn in der Küche
beim Schlafen stören, zieht der Schlafsack um in das freie
Surmann-Bett und nimmt Robert mit. Der Kaffee ist fertig, wir lassen
das weich gebrannte Aufputschmittel durch uns durchlaufen. Frank
fragt mich, ob er mal mein Handy haben könne, um seine Freundin
anzurufen, sie ruft dann auch zurück. Und tatsächlich,
sie ruft dann auch zurück. Volker betritt die Wohnung. Volker,
der eigentlich nur den Parkschein erneuern bzw. die Parkuhr füttern
oder die Parkscheibe neu einstellen wollte, wedelt mit einem Strafzettel
für falsches Parken. Der Zettel ist maschinell erstellt und
auch ohne Unterschrift gültig. Als letzter Satz auf der amtlichen
Erpressung grüßt „Sincerely yours, ihr Ordnungsamt
Wiesbaden.“ Dieser Strafzettel soll nicht der letzte sein.
Wieviele werden wir noch bekommen? Werden die Brauseboys insgesamt
drauf zahlen und am Ende der Tour mit noch weniger als den berühmten
sieben Euro nach Hause fahren? All dies soll im dritten Teil berichtet
werden. Gleich oder bald oder demnächst.
Dritter
Teil: Willkommen in Vegan City
Vor der Abfahrt nach Marburg schleiche ich schnell ins Bad. In meiner
Hand verstecke ich ein Röhrchen Brausetabletten, die Vitamin
C plus Zink enthalten. Die will ich in Leitungswasser auflösen,
um mein Immunsystem zu stärken, damit ich nicht krank werde.
Ich will nicht, dass Heiko mich mit dem Röhrchen sieht, sonst
verhöhnt er mich wieder als Jammer-Ossi, was er gerne macht,
wenn ihm nix besseres einfällt. Als ich das Badezimmer wieder
verlassen will, steht Heiko vor der Tür. In seiner Hand hält
er eine Schachtel Tabletten: Vitamin C plus Zink. Wir nicken uns
zu.
Nun fahren wir nach Marburg. Dort, in der Cavete, war jeder von
uns bereits. Nur als Brauseboys traten wir in Marburg noch nicht
auf. Wir wohnen bei der Frank und Nils bereits sehr vertrauten Sarah,
das Haus steht zentral am Marktplatz, auf den wir nicht mit dem
Auto fahren dürfen. Die ganze Studentenstadt Marburg ist eine
Fußgängerzone. Schon wenn man nur einen Führerschein
besitzt, bekommt man hier ein Strafmandat. Das gilt übrigens
auch für Fleischesser. Es gibt in ganz Deutschland keine Stadt
mit einem annähernd dichten Netz aus Bio-Läden. Die Veganerdichte
ist selbstverständlich auch sehr hoch in Marburg. Sarah verwöhnt
uns am Abend mit Spaghetti und selbst gemachter, sehr leckerer Nudelsoße.
Das Hackfleisch darin hat ihr ein sehr guter Freund unter mysteriösen
Bedingungen in die Stadt geschmuggelt. Frank fragt Volker, ob er
mal dessen Handy haben könne, um seine Freundin anzurufen,
sie ruft dann auch zurück. Und tatsächlich, sie ruft dann
auch zurück. Was bereden die beiden ständig?? So ein Handy
wird, sobald sie dran ist, zu einer Art Fernbedienung, die Frank
befielt, sich sofort von den anderen Boys abzukoppeln und sich in
eine dunkle, stille, abhörsichere Ecke zurückzuziehen.
Braucht Frank Zuspruch? Warum? Den kann er doch auch von uns haben!
Mensch, mensch, mensch! Der Auftritt am Abend ist sehr schön,
alles klappt, auch der Rap, wir werden bejubelt, aber wieder mal
nicht angefasst. Den Abend lassen wir dann in einer Kneipe ausklingen.
Robert macht noch einen Umweg über den örtlichen Dönerladen,
der zur Tarnung mit „Philateliebedarf“ beschriftet ist.
Nur Eingeweihte wissen, dass im Hinterzimmer Teigtaschen mit Fleisch
gefüllt werden. Und Robert ist ein Eingeweihter. Als er zu
uns in die Kneipe tritt, wedelt er mit einem Strafmandat. Er hatte
den Fehler begangen, den Döner draußen auf der Straße
zu essen, und ist damit prompt von der Polizei erwischt worden.
Die Nacht ist ruhig, wir alle haben uns Pommes Frites in die Ohren
gesteckt, damit wir durch das Schnarchen der anderem nicht im eigenen
Schnarchrhythmus gestört werden. Morgens gibt es Frühstück
und, als Heiko mit dem Auto vom Parkplatz kommt, ein Strafmandat.
Vor den Toren von Marburg kehren wir hungrig in ein Restaurant ein.
Dies verfügt über volle Parkplätze, eine übersichtliche
Speisekarte, sämtliche Gerichte sind mit Fleisch. Außerdem,
so preist ein großes Schild an, wird hier noch selbst geschlachtet.
Die Fleischasylanten Marburgs finden hier Asyl. Auch wir. Hmm! Dann
geht es weiter nach Trebur, bekannt durch den Ausspruch: „Wo
ist das denn? Was ist das denn? Warum macht ihr das denn?“
Dort am Abend Auftritt vor acht Zuschauern und drei Pressevertretern.
Wir ackern drei Stunden, wir sind verdammte Showgiganten. Die übersichtliche
Meute ist entfesselt und verlangt eine Zugabe nach der anderen.
Jeder Zuschauer bekommt quasi seine eigene. Die Veranstalter raunen
uns zu: „Mann, seid ihr geil!“ Das klingt geil, denn
wenn Veranstalter, die schon alles gesehen haben, so was sagen,
könnte was dran sein. Die Auftritte in Trier und Darmstadt
sind auch toll und wesentlich besser besucht als in Trebur. Die
Rückfahrt von Darmstadt nach Berlin führt über Sangerhausen.
Ich bin besessen, meinen Kollegen meine Heimatstadt zu zeigen. Frank
hat Interesse, Robert brummt irgendwas. Die Rückfahrt nach
Berlin verlängert sich durch meine Schnapsidee um mindestens
drei Stunden. Denn die Autobahn, an der seit fünf Jahren gewerkelt
wird, endet regelmäßig irgendwo im Acker, und wir kleben
am Heck eines LKW, der sich über die kurvenreiche und an Steigungen
nicht arme B 80 quält. Als Entschädigung bekommen die
Kollegen dann in Sangerhausen eine kleine Besichtigungstour durch
die Innenstadt. Eigentlich suchen wir nur ein Restaurant, in dem
wir was essen können. Nur haben alle Restaurants geschlossen.
Die Sangerhäuser haben das Essen eingestellt, wer keine Arbeit
hat, will auch nicht essen. Ist außerdem zu teuer. Schließlich
stranden wir im Café namens „Dreckskaschemme“
oder so ähnlich, wo uns eine Servicekraft mit einem mehrere
Tage alten Soßenfleck auf dem hinteren rechten Schulterbereich
ihres Feinschmutzbedeckten Arbeitsshirts aufgewärmte Armeenahrung
serviert. Das ist Sangerhausen. Ich schäme mich. Zurück
am Auto klemmt unterm Scheibenwischer auch noch ein Strafmandat.
Wie haben zwar für 50 Cent einen Parkschein gelöst, das
Auto aber nicht auf der erlaubte, sondern der unerlaubten Straßenseite
abgestellt. Scheißstadt! Nur weg hier! Gesättigt durch
undefinierbares Lebensmittelsurrogat fahren wir über Eisleben
und Halle auf die A9, die ich ewig nicht finde, weil ich der großspurigen
Meinung bin, mich hier auszukennen. Daher verzichtet Robert auf
Unterstützung durch den Routenplaner. Darum landen wir erst
viel später auf der Autobahn und noch später in Berlin.
Franks Handy klingelt, die T-Com hat es wieder belebt. Er spricht
ganz zärtlich etwas hinein. Berlin, Berlin, ich sage dir, auf
Reisen kann man was erleben!
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Kuscheln mit Sarah
Mainz: Bühne, Burggraben,
Publikum.
Mainz: ein schönes
Foto
Marburg: Kurzgeschichtenpotbourrianstehschlange
Marburg: Sexy Publikum
Trebur: Auch sexy Publikum,
für jeden eins
Trebur: Atomwaffenfreie
Zone, besser als Teheran
Trebur: Stilleben mit
Stühlen
Bingen: Da ist der Mäuseturm
"Na, du alter Scheißturm!"
Frank groß, Turm
klein.
Ansonsten herrscht Land
unter in Bingen
Guck mal, ein Berlin-Schild!
Darmstadt: die gute Stube
im HoffArt-Theater
Wie tief kann ein Mensch
singen, wenns Mikro sinkt?
Franks zerschlissene Tourhose |