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Ostreflexzonenmassage
Einer der verstörendsten Aspekte des Älterwerdens ist es, zu erkennen, dass man selbst mehr und mehr in Verhaltensweisen verfällt und sich Ansichten zugeneigt fühlt, die man früher an Älteren besonders abstoßend fand. Ein besonders prägnantes Beispiel hierfür ist die berühmte "Früher war alles besser"-Mentalität. Als Jugendlicher machte mich bei meinen Eltern, die in der Nazi-Zeit aufgewachsen waren, jeder Ansatz dieser Einstellung wütend, denn schließlich konnte nichts besser gewesen sein, was es unter Hitler gegeben hatte, selbst wenn es sich um Tanzvergnügen oder Badeseen handelte. Später dann begegnete mir das Schema immer wieder: Musik, Kunst, Fernsehen, Essen - "früher war das aber besser", murmelten die Älteren, und empört protestierte meine Generation. Heute muss ich mir selbst attestieren, dass ich Alkopops und Sportgetränke doof finde, ohne je auch nur einen Schluck davon probiert zu haben. Die um sich greifende Nichtraucherideologie nervt mich, obwohl ich nie geraucht habe. Elektropop und Techno sagt mir nichts, und ich neige dazu, beides abzuwerten, obschon ich mich nie damit beschäftigte. Und wenn ich Viva-Moderatoren oder Jugendliche in der U-Bahn ihren "Sprech" brabbeln höre, schüttelt es mich, und ich muss mich selbst kräftig knuffen, um nicht zu denken: "Sowas hätte es bei uns damals nicht gegeben" - oder welche spachliche Morphe der immer selbe Gedanke auch gerade annimmt. So ist das wohl, wenn man älter wird, und diese Erkenntnis kann hoffentlich helfen, sich nicht zu stark von dieser Haltung auffressen zu lassen, denn bei allem berechtigten Groll über manche modische Narretei ist es doch vor allem Bequemlichkeit, die einen bei einmal lieb gewonnen Musikstilen, Getränken und auch sprachlichen Eigenheiten verweilen lässt. Jochen Schmidt ist ungefähr so alt wie ich. Jochen Schmidt steht wöchentlich auf einer Lesebühne in Berlin und trägt seine Texte vor. Das mache ich auch. Aber: Jochen Schmidt kommt aus dem Osten, ich stamme aus dem Westen. Bis vor zwei Wochen hätte ich das für nicht weiter erwähnenswert betrachtet. Doch dann veröffentlichte Jochen Schmidt in der taz seinen Beitrag "Sprachtrampel im Haus des Seins" (taz vom 31.03.2004), in dem er die West-Okkupation seiner schönen alten Ost-Sprache beklagt, und prompt kommt Applaus aus der Leserschar: "Er hat mir damit aus der Seele gesprochen" (taz vom 07.04.2004). "In meiner Jugend waren wir ironisch und sprachbewusst, ein Akt des Widerstands", schulterklopft es bei Schmidt, nachdem er ausgiebig gegeißelt hat, dass schlimme West-Importe sein qua diktatorischer Herkunft besonders edles Sprachempfinden beleidigen. Es heiße nun in Berlin nurmehr "Kita", nicht mehr "Kindergarten", in den er selbst noch ging, "in der Woche" zumindest, nicht "unter der Woche". Und außerdem fahre die "Tram", nicht mehr wie zu seiner Jugend die selige "Straßenbahn". Der großartige Vorgang des Fliegens werde von den barbarischen Westlern durch ein profanes Wort wie "Flieger" entweiht, während der womöglich baldige Sonderwirtschaftszonenbewohner das Verkehrsmittel, in dessen Genuss er kaum kam, ehrfurchtsvoll mit "Flugzeug" anflüsterte. Kaffee sei jetzt nicht mehr "preiswert" (was er im Osten, wenn überhaupt, wohl nur aufgrund der zahlreichen Päckchen, die ich während des Politikunterrichts in den 1980ern befüllen musste, gewesen sein dürfte), sondern "billig", Milch mit Honig heiße nun auch noch "Steamer", und dem schönen warmen Wort "Kamerad" werde von den Westlern eine rechtslastige Bedeutung aufgezwungen, um es aus dem normalen Sprachgebrauch zu eliminieren. "Jüngere Ostkollegen" muss Schmidt gar schelten, weil sie das West-Wörtchen "eh" benutzen. Sie grüßen sich nicht mehr mit einem knackigen "Tach", sondern mit dem laschen "Hallo", streicheln einem dabei über die Schulter und sagen schließlich ein verweichlichtes "okäij" statt dem markigen, kruppstahlharten ostdeutschen "Oke". Es geht halt alles vor die Hunde, sogar bei den eigenen Leuten. Aber der Schmidtsche Widerstand ist hellwach, kampfeslustig und bereit, den verbalen Angreifern tapfer die Oststirn zu bieten. Mich aber befallen erhebliche Zweifel angesichts dieses neuen Anschluss-Konfliktes. Geht es denn hier tatsächlich um eine Ost-West-Frage, wie Schmidt dies als Leitthese postuliert? Glücklicherweise habe ich noch meinen alten Schulatlas, in dem ich schnell noch einmal nachschlage. Erleichtert atme ich auf: Doch, doch, meine Erinnerung trog mich nicht, meine alte Heimatstadt Münster, in der ich ziemlich genau bis zur "Wende" lebte, bevor ich nach Berlin zog, lag schon damals in Nordrhein-Westfalen, und das gehörte immer schon zum Westen. Denn nach Schmidts Ausführungen fürchtete ich schon, in der DDR aufgewachsen zu sein, ohne es bemerkt zu haben. Bis zum Krieg gab es in Münster auch noch - ja, fraglos: eine Straßenbahn. Danach gab es Bomben, und dann gab es Omnibusse. Keine Tram. Ebenso wie in Bielefeld, Dortmund, Essen, Düsseldorf und Köln, wo aber auch heute noch Straßenbahnen durch die Stadt rumpeln. Und wenn ich mal wieder in der Heimat weile, treffe ich mich gerne mit meinen alten Klassenkameraden, die ich auch so nenne und immer so genannt habe. Die begrüßen mich mit einem breiten westfälischen "Tach!" (oder "Tach auch!"), reichen mir dabei herzlich die Hand (Umarmen und Schulterklopfen würde dort für mittelschweres Befremden sorgen) und erzählen mir dann davon, wie ihr Nachwuchs allmählich bereits dem Kindergarten entwachsen ist. In dieser Einrichtung nämlich wurden und werden Kinder immer schon halbtags betreut, während die im ehemaligen Westen immer noch eher exotische Ganztagsbetreuung in Kindertagesstätten erfolgt. Den Bedeutungsunterschied zwischen "billig" und "preiswert" habe ich in der Schule eingepaukt bekommen, und es ist gut, wenn man für zwei unterschiedliche Eigenschaften auch unterschiedliche Wörter zur Verfügung hat. Oder will Jochen Schmidt uns sagen, dass im Osten halt ohnehin alles Preiswerte auch gleichzeitig billig war? Vom angeblichen Westbegriff "Steamer" schließlich erfahre ich erstmals in Schmidts Text (welcher Sprache man ausgesetzt ist hängt eben auch immer mit dem Umfeld zusammen, in das man sich begibt), und zur Vorwendezeit hätte auch bei uns kein Mensch von einem "Flieger" gesprochen, und an das Aufkommen des Wörtchens "eh" kann ich mich sogar noch lebhaft erinnern, denn ich mochte es nicht und habe es anfangs gar nicht verstanden. Ebenso ging es mir mit "unter der Woche", für das man in Dortmund vermutlich noch heute ratlose Blicke erntet. Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen der Sprachgebrauch. Man muss das nicht mögen. Man kann an seinen Wörtern, Wendungen und Bedeutungen festhalten. Das kann charmant antiquiert, bewusst gewählt oder auch nur starrsinnig klingen. Jochen Schmidt stellt um sich herum eine Änderung der Sprachgewohnheiten fest - und erklärt sie kurzerhand zu einem Ost-West-Kulturkampf. Alles mussten sie aufgeben, die armen Ostler, immer "nur in die eine Richtung", wie Schmidt beklagt, nämlich von Westen nach Osten, da "muss man sich über Einheitsfrust nicht wundern". Jetzt ist aber mal gut, stampft er verbal auf den Boden, bis hierher und nicht weiter. Wir lassen uns nicht auch noch unsere Sprache vom Westen kolonisieren. Und baut eine Verteidigungsfront auf gegen Truppen, die gar nicht anrücken. Denn mit der Ost-West-Problematik hat all das nichts zu tun. Natürlich gibt es sprachliche Regionalismen, und natürlich verbreiten diese sich. So kamen die zahlreichen lateinischen Ausdrücke wie "Nase" und "Fenster" nach Germanien, sogar nach Ostdeutschland. Später folgten beispielsweise französische Eindringlinge wie "Portmonee" oder "Frisör". Heute sind es vielleicht Benennungen wie "Tram", die ihren Weg von München bis zu den Berliner Verkehrsbetrieben gefunden haben und möglicherweise von dort irgendwann gar bis ins Ruhrgebiet vordringen werden. Was Schmidt bemängelt, ist eine Melange aus einer regionalen Wörterwanderung, dem Einsickern von Jugendslang und Werbe-Sprache sowie ganz normaler Sprachentwicklung. Sein Missfallen daran sei ihm unbenommen, es unterscheidet sich aber in nichts von dem Unwillen, den beispielsweise meine Eltern in den 1980ern empfanden, als sie uns Jugendliche wegen unserer Sprachgewohnheiten rügten. Für jede sprachliche Veränderung in Pankow aber reflexartig die Wiedervereinigung verantwortlich zu machen, lässt einen doch die Stirn runzeln. Die verbale Berliner Mauer, die Jochen Schmidt gerne schnell wieder aufbauen möchte, wird ihm da nicht helfen. Denn es sind seine alten Kameraden, die sich eh im Supermarkt mit Billig-Angeboten ausstatten, um dann mit dem nächsten Flieger in die Domrep aufzubrechen. Dort liegen sie am Karbikstrand, sinnieren darüber, dass es aber eigentlich früher auf der Krim viel schöner gewesen sei, aber dass der Westen ihnen das ja nun einmal alles aufgezwungen habe. Und Jochen Schmidt, der Lordsiegelbewahrer des ostdeutschen Kulturgutes, sitzt im Schatten bei einem preiswerten Kaffee und schreibt an seinem neuen Roman, mit dem der östliche Sprachstandard in Beton gemeißelt wird. In Mauerbeton. |