_Mottenplage von Robert Rescue

 

Jeden Morgen kehre ich als erstes die Motten zusammen. Ich wate durch das Wohnzimmer zum Fenster. Dabei verursache ich ein Geräusch, das sich kaum beschreiben läßt. Für mich klingt es wie der Todesschrei einer Stubenfliege, tausendfach verstärkt. Ich tauche mit beiden Füßen durch ein Meer gestorbener Motten. Mein Wohnzimmer gleicht einem Killing Field. Am Fenster angekommen, nehme ich als erstes die Schalen-Stehlampe von IKEA in Augenschein. Sie ist bis oben hin voll. Die Lampe ist für die Motten wie ein gefundenes Fressen, oder anders gesagt, der Höhepunkt ihrer Existenz. Jede will da rein und kommt da rein. Erst umkreist sie die Lampe wie ein Satellit, bis sie schließlich STUKA-mäßig und auch ein bischen Kamikazi-artig in die Schale hineinfliegt. Dort flattert sie dann verwirrt im Rund umher und läßt sich zugleich von der Glühbirne, die für die Motte die Strahlkraft eines Weißen Zwerges haben muß, ausbrennen. Zeitgleich wirbelt sie die Überreste ihrer Vorgänger auf. Wenn schon viele Motten dort ihre letzte Ruhe gefunden haben, fallen die obersten aus der Schale und ihre ausgebrannten Leiber segeln zum Boden herab. Ich bin stets ein stummer Zuschauer bei diesem existenzauslöschenden Ritual. Manches Mal schafft es doch eine, aus der Schale wieder herauszufliegen. Sie ist dann trunken vom Glück, dem größtmöglichen Licht ins Auge gesehen zu haben und damit blind. Diese Motten rasen dann in eine unzugängliche Ecke und ich kann ihre Ruhestätte erst beim nächsten Großputz räumen.

Ich nehme die Schale ab. 500, vielleicht auch 1000 tote Motten segeln zum Boden hinab. Dann setzte ich die Schale wieder drauf und wechsele die Glühbirne aus. Die neue ist lichtstärker. Heute nacht, so überlege ich, werde ich eine Zeitschrift auf die Schale legen, sobald sich eine Motte zu ihrer letzten Reise anschickt. Damit gehe ich sicher, daß sie die auch wirklich antritt.
Während ich beginne, mit dem Besen vom Fenster an die Motten zusammenzukehren, überlege ich mir, eine Fledermaus als Haustier anzuschaffen. Die kann dann tagsüber schlafen und nachts auf Jagd gehen. Satt wird sie allemal, vielleicht zu satt. Womöglich habe ich dann eine übergewichtige Fledermaus und muß mit der zum Tierarzt in die Brüsseler Straße. Die werden dort Augen machen. Im Winter könnte ich die Fledermaus dann zu den Weight Watchers geben.

Ich habe die Motten zusammengekehrt und tue sie in eine große Mülltüte. Die bringe ich dann runter zur „Mottenbox“ der BSR. Die wird inzwischen jeden Tag geleert.
So, das Wohnzimmer ist wieder begehbar. Danach wische ich die Flecken vom Monitor. Leider hält es viele der Motten nicht im Lichtkegel der Schalenlampe, vielmehr wollen sie mal schauen, was ich da so mache am Computer. Das aber mag ich nicht, weshalb es gleich was mit der Klatsche setzt. Die Klatsche ist eine Spezialanfertigung. Die KLATSCH-Fläche ist doppelt so groß, der Stil auch länger als gewöhnlich und zusätzlich wird vor dem Todesschlag auf Knopfdruck ein Gemisch ausgesprüht, daß die Motten lähmt.
Prima Werkzeug, kann ich nur sagen.
Ich schaue auf den Schreibtisch. Im Druckerschacht kleben auch ein paar. Ich überlege, was ich als nächstes ausdrucken werde. Vermutlich eine Bewerbung. Das gibt dann ein hübsches Hintergrundmuster. Also laß ich sie drin.

Was es dieses Jahr auch oft gibt, sind Zombiemotten. Ich schlage sie tot, vergewissere mich, daß sie erledigt sind und nach fünf Minuten fliegen sie wieder. KLATSCH. Dasselbe Spiel, dasselbe Ergebnis. Danach sind diese Motten sehr aggressiv. Das kann ich verstehen. Ich wäre auch sauer, wenn mich jemand KLATSCHT. Die Motten fliegen dann um mich herum und attackieren mich. Sie wollen mich niederringen im direkten Kampf Mensch gegen Motte. Das können sie nicht gewinnen, aber sie gehen mir auf den Keks. Meist verliere ich dann endgültig die Nerven und dann gibt es KLATSCH, KLATSCH, KLATSCH. Dann herrscht Ruhe. Keine Motte kann so untot sein, daß sie mit einem völlig zerKLATSCHten Körper noch mal den Flug aufnimmt.

In meinem Schlafzimmer finde ich komischerweise keine einzige Motte. Vermutlich ist das Zimmer für sie so eine Art No-Go-Area, weil mein Schnarchen sie zur Verzweifelung treibt.

Dann hat das Schnarchen wenigstens einmal einen Nutzen.