Kriegstagebuch
© Heiko Werning
Tag 1:
Der Enthauptungsschlag. Die B.Z. titelt: "Saddam verpiss dich".
Tag 2:
Der Sprecher der Alliierten teilt mit, dass man gleich zu Beginn des Krieges mit einer noch nie dagewesenen Kampfkraft Bagdad bombardieren werde, damit die irakische Führung sofort kollabiere. Bereits in der ersten Angriffswelle werde man mehr Bomben abwerfen, als während des gesamten Jugoslawien-Krieges. Gleichzeitig sollen zunächst die südirakische Hafenstadt Umm Kassr sowie die Millionenstadt Basra befreit werden. Die dortige schiitische Bevölkerungsmehrheit, die seit jeher vom Saddam-Regime unterdrückt wird, werde die Alliierten mit offenen Armen empfangen. Die Bilder von sich massenhaft ergebenden irakischen Armee-Einheiten werden die Moral von Saddams Kämpfern untergraben und so zu einem schnellen Ende des Krieges führen.
Tag 4:
Die Aliierten zeigen sich erstaunt über den hartnäckigen Widerstand der Südiraker. Die 4500-Einwohner-Stadt Umm Kassr sei nun aber gesichert und befreit. Anders als geplant werde man sich mit Basra und anderen südirakischen Städten nicht länger aufhalten, sondern schnellstmöglich auf Bagdad marschieren, um die Führung des Iraks zu enthaupten. Das Bombardement auf die Hauptstadt werde verstärkt. Alles verlaufe ganz nach Plan. Man habe außerdem eine Chemiewaffenfabrik aufgespürt. Al-Dschaziera zeigt Bilder eines Bauern, der einen Apache-Hubschrauber abgeschossen hat.
Tag 7:
Die Alliierten äußern sich erstaunt über den hartnäckigen Widerstand der Zentraliraker. Der Vormarsch auf Bagdad gestalte sich schwieriger als angenommen, ein heftiger Sandsturm behindere die Aktion. In Umm Kassr sind überraschend erneute Gefechte ausgebrochen, es gebe Zitat "noch vereinzelte Widerstandsnester". Erstaunlicherweise bleiben die Bilder jubelnder Südiraker aus. Inoffiziell äußern amerikanische Befehlshaber Befremden über deren Undankbarkeit. Der Hafen sei aber nun sicher, und mit der Ankunft der ersten Hilfsgüter werde die Stimmung zu Gunsten der Koalition umschlagen. Man habe außerdem die Strategie geändert und beschlossen, zunächst die süd- und zentralirakischen Städte einzunehmen, bevor man Bagdad erstürme. Bei Basra habe es vor dem Quartier der Baath-Partei erste Aufstände der schiitischen Bevölkerung gegeben, man rechne in Kürze mit einer Revolte gegen das Saddam-Regime. Ob es sich bei der vor drei Tagen besetzten Anlage überhaupt um eine Chemiefabrik handele, sei allerdings unklar. Ansonsten verlaufe alles weiterhin ganz nach Plan. Die B.Z. titelt: "Saddam schwer verletzt."
Tag 14:
Umm Kassr ist endgültig befreit. Dennoch ist der Südirak immer noch nicht vollständig in den Händen der Koalition. Das irakische Fernsehen sendet Bilder eines Bauern, der einen Apache-Hubschrauber mit seiner Mistforke vom Himmel geholt hat.
Tag 15:
In Umm Kassr sind überraschend Kämpfe aufgeflammt. Die Allierten kündigen an, ihre Truppen zu verstärken; schon bald werde man die 4500-Einwohner-Stadt endgültig befreit haben. Berichte über eine Revolte in Basra werden nun doch dementiert. Es habe sich nur um kleinere Unruhen in der Nähe des Hauptquartiers der Baath-Partei gehandelt. George W. Bush sagt in einer Pressekonferenz, dass man aber schon in Kürze damit rechne, dass sich die Proteste gegen Saddams Gefolgsleute ausweiten. Al-Dschazira zeigt Bilder aus dem Zentrum von Basra: Zwei Viehhändler streiten sich erbittert um ein Dromedar. Bis die zusätzlichen 150.000 Mann eintreffen, wolle man sich aber nicht länger mit den strategisch bedeutungslosen südirakischen Städten aufhalten. Alle Einheiten marschieren auf Bagdad. Das Bombardement auf die Hauptstadt wird verstärkt. Auf dem Vormarsch sei man auf ein Chemiewaffenlager gestoßen.
Tag 16:
Umm Kassr ist nun aber wirklich befriedet. CNN zeigt Bilder von befreiten Irakern, die in einem großen Stacheldrahtverhau in der Wüste stehen. "Die freuen sich ja gar nicht richtig, was sind denn das für Bilder?" mault der Reporter. Marshall Stones gibt den Befehl, reichlich Maschinengewehrsalven zwischen deren Beine zu jagen. Am Abend gehen Bilder von vor Freude hüpfenden befreiten Irakern um die Welt.
Tag 20:
Donald Rumsfeld räumt vor der Presse ein, dass es sich bei dem aufgebrachten Chemiewaffenlager um den Abstellschuppen eines Bauernhofes gehandelt habe, in dem man drei Dosen unbekannten Inhalts fand. Die Untersuchungen liefen noch, vermutlich handele es sich aber um Rattengift. Dieser Fund beweise, dass dem Gegner alles zuzutrauen sei.
Die Offensive um Bagdad gerät ins Stocken. Die Armeeführung gibt Frühnebel als Grund an. General Tommy Franks verkündet einen Strategiewechsel: Man werde zunächst die südirakischen Städte einnehmen.
Al-Dschaziera zeigt Bilder von jubelnden Irakern, nachdem zwei Jugendliche mit ihrer Steinschleuder einen Apache-Hubschrauber zu Boden gebracht haben. Ein irakischer Kommandant hält stolz die Wal-Mart-Kundenkarte des Piloten in die Kamera. Tony Blair spricht von einem Kriegsverbrechen. Nach der Genfer Konvention dürften die Einkaufsorte von Gefangenen nicht preisgegeben werden. George W. Bush beklagt, man habe es mit einem Gegner zu tun, der sich einfach nicht an die Spielregeln hält. Zum Beweis führt er an, dass er sich auch nach zwei Wochen immer noch nicht ergeben habe. Die Bombardierung Bagdads werde verstärkt. Die B.Z. titelt: "Saddam hat er die tödliche Vietnam-Grippe?"
Tag 28:
Berichte über eine Revolte in Basra werden dementiert. Al-Dschaziera zeigt Bilder einer Mutter, die in der Nähe des Hauptquartiers der Baath-Partei ihrem sechsjährigen Sohn eine Ohrfeige verabreicht hatte. Das britische Oberkommando hatte das Zitat "ungewöhnlich lang anhaltende" Zitat Ende Geschrei des Kleinen als Indiz für den schiitischen Aufstand gewertet. Überraschend ist in Umm Kassr heftiger Widerstand ausgebrochen. General Tommy Franks betont aber, der Hafen der 4500-Einwohner-Stadt werde bald wieder sicher sein. Ansonsten seien die südirakischen Städte eh nicht so wichtig, man beginne jetzt lieber mit dem Sturm auf Bagdad. Es verlaufe alles ganz nach Plan.
Tag 44:
Der vermeintliche Chemiewaffenfund der letzten Woche entpuppte sich als Zahnpasta. Es habe sich aber, so General Tommy Franks, um eine Zitat "den Alliierten bislang völlig unbekannte Marke" Zitat Ende gehandelt. Al-Dschaziera zeigt Bilder von einem Dreijährigen, der vom Spielen einen Apache-Hubschrauber mit nach Hause gebracht hat. Die jubelnden Sandkastenfreunde springen um das Wrack herum. CNN sendet grob gepixelte Bilder eines offenbar überfahrenen Dromedars. Tony Blair spricht von einem Kriegsverbrechen, man habe Beweise, dass die Iraker das Zitat "völlig unschuldige Tier gezielt hingerichtet" hätten. George W. Bush spricht davon, dass der Krieg möglicherweise länger dauern könne, als viele vermutet hätten. Aufgrund des anhaltenden Widerstandes im Süden beschließt das Oberkommando, zunächst die dortigen Städte zu befreien, zumal die Bagdad-Offensive nach einer ungewöhnlich kühlen Nacht zum Stillstand gekommen ist. Mehrere Soldaten haben sich die Blase erkältet.
Tag 93:
Um die letzten Widerstandsnester in Umm Kassr auszumerzen, setzen die Amerikaner die "Mutter aller Bomben" ein. Anschließend gilt die 4500-Einwohner-Stadt als endgültig unter der Kontrolle der Alliierten. Tony Blair bedauert, dass die Iraker die Befreiung nicht angemessen feiern würden. In wenigen Monaten werde man aber einen neuen Hafen erbaut haben, damit die humanitäre Hilfe anlaufen könne. Die Luftangriffe auf Bagdad würden verstärkt. Die B.Z. titelt: "Saddam hat er Bauchweh?"
Tag 597:
George W. Bush bezeichnet das von Einheiten der Amerikaner aufgebrachte Lager mit "Mekka Cola" als ultimativen Beweis, dass dieser Gegner sich an keine internationalen Spielregeln halte. CNN berichtet von einem ernsten Zwischenfall bei Nadschaf: Fünf Divisionen der Amerikaner und Briten haben sich gegenseitig im friendly fire ausgemerzt, als offenbar gleichzeitig die Befehle, jetzt aber in Kürze Bagdad zu stürmen einerseits und andererseits den Südirak nun aber endgültig zu befreien ausgegeben worden waren. Die vor- und zurück rückenden Truppen hatten sich in der Mitte getroffen, die Freund-Feind-Kennung aber hatte versagt. Das Militär gibt einen leichten Nieselregen als Ursache für die Panne an.
Al-Dschaziera zeigt Bilder von einem weinenden Jungen, der von seinen Spielkameraden ausgelacht wird, weil er keinen Apache-Hubschrauber erwischt hat.
Tag 633:
Tony Blair spricht davon, dass man das Truppenkontingent im Irak aufstocken werde, sobald eine neue Soldaten-Generation herangewachsen sei. Das Bombardement auf Bagdad werde bis dahin verstärkt. Es verlaufe alles ganz nach Plan.
Tag 684:
"Schluss jetzt", knurrte George W. Bush, nachdem der letzte Apache-Hubschrauber nach der Kollision mit einem Geier abgestürzt ist. Colin Powell, der alte Bedenkenträger, unternahm einen letzten Versuch, ihn dazu zu bewegen, den Weltsicherheitsrat anzurufen, aber Tommy Franks hatte schon längst den Befehl erhalten, sie zu zünden, die Großmutter aller Bomben. "Wir werden ja sehen, wie das Ding funktioniert", sagte der Texaner. Die B.Z. titelt: "Saddam jetzt kriegen wir dich!"
Tag 699:
"Scheiße", fluchte der Kosmonaut Iwan Gargarin, als ihm die letzte Dose Astronautenkost, Geschmack Beuff Stroganow, auf den Boden fiel, gute drei Wochen, nachdem die Besatzung der Internationalen Raumstation ISS mit Erstaunen registriert hatte, wie die Erde in einem großen Feuerball vergangen war. "Jetzt wird´s allmählich eng", grummelte der bärbeißige Abenteurer.