_Eva Hermann und die Emanzipation von Heiko Werning

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Wie funktioniert eigentlich ein Medien-Hype? Zunächst einmal braucht es einen ordentlichen Nährboden. Nehmen wir mal Frank Schirrmacher mit seiner Bestseller-Forderung nach Rückbesinnung auf Familie, die Große Koalition mit Ursula von der Leyen als Neocon- Popstar und einen Familienbericht, den die Bild-Zeitung auf die Schlagzeile „Deutsche Mütter sind zu faul“ hochsext. Also brodelt plötzlich schon mal gewaltig so was wie eine Wertediskussion rund um die Kinderaufzucht. Und jetzt muss man nur wollen. Der Spiegel, natürlich, wollte. In der Zeitschrift Cicero findet sich diese Woche ein Text von einer Eva Herman über die Folgen der Emanzipation. Aber wen interessiert schon Cicero? Und who the fuck ist Eva Herman? Eine Wissenschaftlerin, die Studien ausgewertet hat? Eine Politikerin, die sich über Jahre mit dem Thema auseinandergesetzt hat?

Ach was. Eva Herman ist Tagesschau-Sprecherin, Talkshow-Moderatorin, Ratgeber-Schreiberin und Mutter eines Kindes. Und damit also top qualifiziert, die Rolle der Frau in der Gesellschaft in den letzten 40 Jahren gründlich auszuleuchten.

Normalerweise würde das, völlig zu Recht, keine Sau interessieren und niemand lesen. Aber da ist der Spiegel vor, der die Thesen, leicht süffisant kommentiert, als Top-Aufmacher auf seine Homepage setzt und gleichzeitig ein paar Autoren zu Gegenartikeln auffordert, und ruckzuck, schon haben wir eine große nationale Debatte, die durch die Feuilletons von taz bis FAZ tobt und in Sabine Christiansen mündet, mit dem Titel: „Deutsche Frauen – zurück zu Herd und Wickeltisch?“

Nun könnte man das Ganze achselzuckend ignorieren, eben als künstlich erzeugtes Medienthema. Allerdings stellt sich schon auch die Frage, wer da was mit welcher Motivation plötzlich wild diskutiert. Und da ist ein Blick auf die Positionen vielleicht doch ganz aufschlussreich.
Frau Hermans Kernanalyse lautet: Die Frauen "sind im beruflichen Kampf gegen die Männer am Ende ihrer Kräfte und Ressourcen angelangt. Sie sind ausgelaugt, müde und haben wegen ihrer permanenten Überforderung nicht selten suizidale Fantasien." Oha. Ist das wirklich wahr? So erlebt Frau Herman das? Da fragt man sich ja schon, wie es in der Tagesschau-Redaktion so zugeht. Der niedliche Jan Hofer. Ist das so ein Schlimmer, dass Eva Herman gleich aus dem Fenster springen will? Und steht es um ihr Kind wirklich derart schlimm, dass sie zu dem Schluss kommt, dass die Vereinigung von Berufstätigkeit und Muttertum zu diesen Ergebnissen führt: "Bei beinahe der Hälfte aller Kinder in Deutschland werden anlässlich der vorschulischen Untersuchungen wegen fehlender Bemutterung deutliche Defizite wie motorische oder sprachliche Störungen, kognitive Enwicklungsbarrieren und verhaltensauffälliges Benehmen festgestellt"?

Und warum das alles? Frau Herman weiß es genau: "Selbstgefälligkeit und Eitelkeit" treibe die Frauen um, weshalb sie als Mütter berufstätig bleiben, "im dünkelhaften Glauben an unsere nahezu übernatürlichen Kräfte, in Selbstüberschätzung und unreflektierter Emanzipationsgläubigkeit". Gut, dass das mal einer sagt. Dabei könnte alles doch so schön sein: „Es ist die Frau, die in der Wahrnehmung ihres Schöpfungsauftrages die Familie zusammenhalten kann.“ Schließlich sei sie "der empfindsamere, mitfühlende, reinere und mütterliche Teil". Wie schön, dass diese präzise Analyse am selben Tag erscheint, an dem Frau Herman abends in der Tagesschau vermeldet, dass in Frankfurt/Oder der Prozess gegen die neunfache Mörderin eigener Babys beginnt. Eine Frau übrigens, die im Wesentlichen nicht berufstätig war und auch keine Karriere gemacht hat, außer in der Kriminalgeschichte.

Und dann kommt Frau Herman zu dem Schluss, dass nicht der heutige Versuch der Gleichberechtigung, sondern die klassische Rollenaufteilung in unserer Gesellschaft über Jahrhunderte funktioniert hätte. "Wenn sie“, also die Rollenaufteilung, „eingehalten wird, so hat das in aller Regel dauerhafte Harmonie und Frieden in den Familien zur Folge." Die Werke der Weltliteratur zeugen davon ebenso wie die friedvolle, harmonische Geschichte Europas. Die Welt war also im Wesentlichen gut, bis die böse Emanzipation kam. Frau Herman: „Seit einigen Jahrzehnten verstoßen wir Frauen zunehmend gegen jene Gesetze, die das Überleben unserer menschlichen Spezies einst gesichert haben.“ Schlimm in diesem Zusammenhang auch, dass Fortpflanzung für Frauen zu einer Option verkommen und keine Selbstverständlichkeit mehr sei. Ganz folgerichtig prophezeit sie Frauen, die sich gegen Kinder entschieden haben, dass „der Lebensabend in vielen Fällen eine Zeit des schmerzvollen Nachdenkens und der tiefen Reue“ werde.

Rückendeckung erhält Eva Herman dafür von Franz Josef Wagner in der Bild. Der schreibt an die deutschen Mütter: „Laut neuem Familienbericht der Bundesregierung seid Ihr faul. 2 Stunden und 18 Minuten investiert Ihr in Hausarbeit – danach Café latte trinken, Schuhe kaufen, Unterhautfettgewebe wegtrainieren, in einem Body-Piercing-Katalog blättern, die Beine übereinanderschlagen, auf Single-Frau tun, einen 20jährigen verführen.“ Um dann noch einmal aus der Zeit zu berichten, als die Familie noch intakt, als die Frauen noch nicht gegen jene Gesetze verstießen, die das Überleben unserer menschlichen Spezies einst gesichert haben: „Ich bin glücklich, daß meine Mutter eine Trümmerfrau war. Wir schreiben das Jahr 1945. Sie war 24 Stunden um mich, ich war unterernährt, sie hatte keine Freizeit. Wenn sie Freizeit für sich gefordert hätte, dann würde ich heute nicht leben. Meine Mutter hatte keine rotlackierten Fingernägel. Meine Mutter hatte keinen Sex. Meine Mutter war eine Löwin.“

Löwinnen also. Löwinnen ohne lackierte Fingernägel, die keinen Sex haben. Das also soll das neue Frauenleitbild sein. Aber abgesehen davon, dass „kein Sex“ irgendwie nicht völlig konform geht mit dem Wunsch nach mehr Kindern, ist das bei Löwen mit dem Familienleben aber auch so eine Sache. Die bevorzugen nämlich das lockere Harem, und wenn ein neuer Löwe die Familie übernimmt, beißt der erst mal alle Vorgängerlöwchen tot, damit nicht sinnloses Erbgut hochgepäppelt werden muss. Im Prinzip ähnlich wie bei der brandenburgischen Babymörderin. Vielleicht deswegen gibt Frau Herman auf ihrer Homepage an, sie bewundere einen Clown, „der mit Tränen in den Augen seine Kunst dem jubelnden Publikum vorführt und leise dabei um seinen gerade verstorbenen kleinen Sohn weint.“ Ja, das ist so schön.
Ein wenig fragt man sich nach alldem allerdings auch, warum Eva Herman auf ihrer Homepage angibt: „Das Leben ist bunt und mein Beruf ist es auch. Es ist wichtig, dass ich in unterschiedlichen Bereichen arbeiten kann.“ Interessant auch, was sie auf die Frage antwortet, was für sie anders wäre, wäre sie ein Mann: „Nicht viel. Ich wäre wohl größer und hätte etwas mehr am Körper herum (meistens)-hängen.“

Ergibt das alles denn einen Sinn? „Durch unterschiedliche Themen bei Veranstaltungen werde ich nicht dümmer“, behauptet Frau Herman. Das mag wohl sein. Im Grunde aber auch schwer vorstellbar, wie das gehen sollte – dass sie noch dümmer wird. Obwohl: Ein weiser Gedanke findet sich dann doch noch in ihrem emanzipatorischen Manifest: "Ein Mensch, der sich gegen Kinder entscheidet, wendet sich auch dagegen, Enkelkinder aufwachsen zu sehen." Und wer wollte dem schon widersprechen?