Gastronomische Perlen im Wedding: das Café Cralle
von unserem Lokalreporter Heiko Werning

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Mit dem Café Cralle ist es schon so eine Sache: Wenn Sie das erste Mal hier landen, werden Sie sich zunächst wundern. Wundern darüber, an dieser Stelle des tiefsten Weddings auf so ein Etablissment zu treffen, das so offenkundig gar nicht in diese Gegend passt. Auf den ersten Blick erinnert das Cralle nämlich an eine kleine, heimelige Bar, wie man sie in Prenzlauer Berg oder Mitte erwarten würde, einschließlich ausgestellter Kunst, metallverzierter Bar und orange gefärbtem Putz. Dann fallen Ihnen weitere Details auf, und Sie wundern sich noch ein bisschen mehr: Es gibt Spiele und Bücher, offenbar in einer Art freier Tausch- und Leihbibliothek. Die Preise sind zivil, wenn Sie Glück haben, ist sogar Kiez-Cuisine-Tag, dann gibt es verblüffend schmackhafte Gerichte zu echten Volxküchenkursen, und auf der Karte findet man ungewöhnliche Getränke: Altenmünster statt Beck´s oder Berliner, Dunkles Lounys statt Köstritzer oder Guinness. Keine Frage, hier interessiert man sich nicht für irgendeine Szene, hier will man nicht in sein. Aber, ehe Sie sich noch weiter umgucken und zusätzliche Mosaiksteinchen des Gesamtbildes erfassen können, fällt Ihnen noch etwas anderes auf: Die Besucher, die an den Tischen und an der Bar sitzen, ein eher alternativ wirkendes Publikum wie aus vergangenen Tagen, werden Sie nicht näher beobachten mögen, denn allmählich fällt Ihnen auf, dass sie selbst betrachten werden. Und allmählich fällt Ihnen auf, was hier noch ungewöhnlich ist: Ein bisschen ist es wie im Western, wenn der Fremde in den Saloon tritt und die Cowboys des Dorfes misstrauisch hinter ihren Whiskey-Gläsern vorlugen. Sie werden nicht unfreundlich behandelt, Sie werden sogar zuvorkommend und rasch bedient, aber Sie werden es spüren: Sie sind hier ein Fremder.

Was verschlägt einen Fremden in unser Dorf, sagen die Blicke. Später dann wundern Sie sich ein wenig, wenn plötzlich jemand von einem Tisch aufsteht und an den nächsten geht, um zu sagen, dass er morgen das Fahrrad vorbeibringen wird. Bald darauf erhebt jemand an der Bar die Stimme zum Paar in der Ecke und sagt, dass man am Wochenende in die Pilze wolle, ob sie dabei wären. An einem anderen Tisch fragt jemand, wo denn eigentlich der Till sei, und irgendwer von ganz woanders klärt ihn auf, dass der gerade an etwas arbeite und sich daher viel zu Hause aufhalte. Kurzum: Sie bemerken, dass sich hier offenbar alle kennen, sogar recht gut kennen, ja, seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten kennen. Ihnen wird klar: Sie sind hier in einem öffentlichen Wohnzimmer gelandet, das gleichzeitig auch als eine Art Museum für ein von der Ausrottung bedrohtes Soziotop aus den 80ern dient. Irgendwie ist man hier links, alternativ und Subkultur, gleichzeitig aber auch bodenständig, umgänglich, freundlich. Kunst ohne Coolness, Cocktails ohne Schickeria, Kumpelhaftigkeit ohne Anbiedern - das Cralle ist ein kleines, heimliches Wunder, das sich dem flüchtigen Besucher nicht erschließen wird, denn dafür ist es zu sehr geschlossene Gesellschaft. Das Cralle ist wie der Wedding selbst: Man muss es schon gut kennen, um es für sich zu entdecken, es schätzen zu lernen und sich dort wohl zu fühlen. Wenn Sie dann häufiger ins Cralle kommen, werden Ihnen zwei Möbelstücke auffallen, die aus dem üblichen Rahmen fallen: Zum einen ist da ein Barhocker am Tresen, der mit einer kleinen Silberplakette versehen ist. "Reserviert für V.I.P Hinark Husen", ist darauf zu lesen. Zum anderen wird Ihnen ein weiterer Barhocker am Tresen auffallen, auf dem ein kräftiger, in seltsame Hemden gewandeter Enddreißiger festgewachsen scheint.

Untrennbar verbunden scheint er mit dem Hocker, immer, wenn Sie ins Cralle kommen, ist er schon da, und wenn Sie betrunken nach Hause torkeln, bestellt er noch ein neues Weizen. Die Kombination aus Brille, Kleidung, Frisur und Habitus erinnert Sie an eine Hybridzüchtung zwischen norddeutschem Landwirt und intellektuellem Aussteiger aus der West-Berliner Spontiszene. Immer sitzt er da, und fast schrecken Sie auf, wenn er sich doch mal vom Hocker wuchtet, um aufs Klo zu gehen - huch, der kann sich ja doch körperlich von seiner Sitzgelegenheit lösen. Aber keine Angst, eine Pinkellänge später ist er wieder dort. Das Cralle ist ein Ort der Beständigkeit. Sie werden über diese beiden Barhocker grübeln, aber das Geheimnis wird sich Ihnen nicht von allein erschließen. Schließlich werden Sie versuchen, Aufklärung im Gespräch zu erlangen. Was es denn mit diesem Hinark Husen und seinem reservierten Platz auf sich habe, werden Sie sich fragen, und was bietet sich mehr an, als sich an den Dauerbesetzer des zweiten Hockers zu wenden. Auch wenn Sie sich ein bisschen fürchten mögen vor seinem Ananas-Hemd, so sieht er doch letztlich recht ungefährlich aus, und Sie entschließen sich, ihn anzusprechen. Und freundlich werden Sie Auskunft erhalten: Dieser Hinark Husen sei ein Geschichtenschreiber und Vorleser. Es war einmal, im Jahre 1989. Eine wilde Zeit. Große Dinge ereigneten sich auf der politischen Bühne, die die Gesellschaft erzittern ließen. Beispielsweise ein Uni-Streik. Und wie das so ist, wenn Studenten streiken, setzen die sich nicht einfach vors Tor und zünden Mülltonnen an, sondern gründen Diskussionskreise oder Theatergruppen. Ein machtvoller Protest, der die Kultusminister in Angst und Schrecken versetzte. Und so fanden sich während dieses Streiks eine Handvoll frisch aus der westdeutschen Provinz in die Stadt geflüchteter Jungsemester plötzlich in den Wirren der Uni-Politik wieder, und da es nun keine Seminararbeiten mehr zu schreiben gab, schrieben sie halt andere Sachen. Und da die Professoren so andere Sachen aber natürlich nicht lesen wollten, suchten sie sich andere Leser. Sie banden sie zusammen, pappten ein gelbes Deckblättchen drauf und nannten das Ganze "Salbader". Und damit man auch weiß, was das soll, fügten sie noch die Unterzeile "Belehrung & Erbauung" an.

Da Studenten aber irgendwie anders funktionieren als Gewerkschafter, mochte niemand diese Streikzeitung haben, und so beschlossen die Schreiber, das Zeug einfach laut vorzulesen. Und siehe da: Man hörte ihnen zu und freute sich darüber. So sehr, dass die Jungautoren nach Beendigung des Ausstandes nicht einfach wieder damit aufhören mochten. Sie suchten sich eine schillernde Figur aus der Offkulturszene namens Dr. Seltsam, stellten ihn als Moderator ein und begannen, ihre Texte Woche für Woche am Sonntagmittag zum "Frühschoppen" vorzulesen. Zunächst noch in einem besetzten Haus, dann nach den zwangsläufigen Sexismus-Vorwürfen in einem kleinen Café, bis sie schließlich große Säle mit ihrem Wort-Varieté füllten.Und so lesen sie heute noch, Woche für Woche, inzwischen im Schlot in der Chausseestraße, mal vor 100, mal vor 300 Zuhörern. Sie sind eine Berliner Institution geworden, sie haben ein Genre begründet, das inzwischen den Namen Lesebühne erhalten hat, sie waren die Urmutter aller Lesebühnen; später folgten weitere, z. B. die berühmte Reformbühne Heim & Welt, die Surfpoeten oder als jüngster Spross der Familie die Brauseboys. Und so lesen sie vermutlich weiter bis ans Ende aller Tage. Der Mann am Tresen hat sich nun in schwärmerische Rage geredet. Er muss kurz innehalten, um ein weiteres Weizen zu bestellen, und Sie nutzen Ihre Chance, etwas nachzufragen: Was es denn nun mit diesem Barhocker auf sich habe, und was das überhaupt für ein merkwürdiger Name sei, Hinark Husen? Das Ananas-Hemd nimmt einen Schluck vom neuen Bier, um dann zu erläutern, dass die Vorlesenden sich damals eben Künstlernamen gegeben haben: Der eine nannte sich Horst Evers, weil er aus Evershorst stamme, der andere Hans Duschke, weil er mit Nachnamen Hansen heiße und das "Duschke" so schön an wirkliche Studentenproteste erinnerte. Tja, und einer habe auf einer Party Bekanntschaft mit einer schnöseligen, hippen Frau gemacht, die ihn abschätzig anblickte und begrüßte mit den Worten: "Na, du siehst ja aus wie´n richtiger Hinark!" Daraufhin habe dieser sich eben Hinark genannt. Hinark Husen, das klinge ja auch sehr schön und sogar ein wenig nach seiner westfälischen Heimat. "Gut", mag man dann fragen, "aber wieso hat dieser Hinark Husen hier einen reservierten Stuhl?" Und das Ananas-Hemd wird antworten: "Na, weil er Stammgast ist im Cralle, natürlich, nein, nicht wirklich Stammgast, er lebt hier eigentlich mehr oder weniger. Er liest beim Frühschoppen, er schläft in seiner Wohnung in einer Straße hier um die Ecke, und er wohnt im Café Cralle, wenn er nicht gerade ein bisschen neuen Geschichtenstoff sammelt als Erzieher, Wetterberichtsprecher, Vogelkundler oder Opernstatist." Sie sehen das Hemd zweifelnd an: "Aber wieso ist er dann nie hier? Der Hocker ist doch immer frei!" Jetzt schaut der Mann etwas verblüfft, dann lacht er herzlich: "Aber ich bin doch immer hier! Ich setze mich halt nur lieber auf einen anderen Hocker! Dann kann ich das "Reserviert"-Schildchen wenigstens betrachten, das finde ich so rührend!" Und jetzt endlich verstehen Sie. Und das nächste Mal, wenn Sie das Café Cralle besuchen, werden sie beim Eintreten grüßen: "Ach, hallo Hinark, wie geht´s denn so", so wie alle hier das machen, wenn sie zur Tür hereinkommen.