Oder: Wie George W. Bush in meine Schlauchmilch pupste.
© Volker Surmann
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Am Montag, dem 18.3.2003 geschahen zwei Dinge in meinem Leben fast gleichzeitig:
Ich stand im Realmarkt im Frankfurter-Allee-Center vorm Kühlregal und ärgerte mich wieder einmal, dass es nur noch Milch im umweltfeindlichen Tetrapak oder in sauteuren biologisch geblasenen Pfandflaschen gibt, aber keine Milch mehr im so günstig wie umweltfreundlichen Milchschlauch. Das gleiche Bild im Reichelt um die Ecke. Kein Zweifel: Der gemeine Milchschlauch ist eine ausstrebende Art. Ich bin bekennender Schlauchmilchfan und beschloss deshalb, bis zur Brauseboys-Premiere ein Manifest zur Rettung des deutschen Milchschlauches zu verfassen.
Zur gleichen Zeit, etwa 4000 Kilometer westlich vom Milchregal des Real-Marktes Frankfurter Allee beschlossen George W. Bush, Tony Blair und José Maria Aznar, dass Saddam Hussein blöd ist, der UN-Sicherheitsrat doof ist und sie dem Saddam jetzt mal ganz ordentlich verkloppen wollen. Ganz unabhängig davon, dass ich 1997 einmal selbst auf den Azoren Urlaub gemacht habe, und diese wunderschöne Inselgruppe es überhaupt nicht verdient hat, auf diese Art in die Weltgeschichte einzugehen, hat die Parallelität dieser Ereignisse dazu geführt, dass ich heute keinen Text über die Rettung des Milchschlauches lesen kann.
Wie käme denn so was? Es ist Krieg und die Brauseboys lesen Texte über Schlauchmilch. Das geht ja nun wirklich nicht. Dabei hatte ich schon gute Ideen. Ich hätte hier aufgerufen zum Erhalt des Milchschlauches, hätte einen gemeinnützigen Verein zum Zwecke des Schlauchmilchschutzes gründen wollen, Schutzreservate in ausgewählten Kühlrealen ausgerufen. Ich hätte Verbündete gesucht in der Welt der Milchproduktetrinker, ob weiße oder schwarze Schlauchmilchfreunde, also ob Milch- oder Kakaotrinker, egal, es hätte nicht viel mehr gebraucht als ein paar Entschlossene und eine Koalition der Willigen!
Doch nein, statt dessen pupste mir George W. Bush mit seinem blöden Krieg in meine Schlauchmilch.
Schlauchmilch, so was kennen die Amerikaner ja gar nicht. Schlauchmilch. Da drüben gibt´s doch nur Tetrapaks. Schlauchmilch. Sind Tetrapaks eigentlich eine amerikanische Erfindung? Ich recherchiere. Der Erfinder der Tetra Paks heißt Dr. Ruben Rausing. das klingt nicht sehr amerikanisch. Kein Wunder, er war Schwede. Ist Schweden eigentlich für oder gegen den Krieg...? Die sind doch da immer traditionell links da oben, oder nicht? Und Hans Blix ist doch auch Schwede...? Irgendwie führt dieser Gedanke nicht weiter.... Schlauchmilch. Das ist doch ein Milchkulturprodukt aus dem alten Europa. Schlauchmilch
Und die USA bombt los. Super! Und ich darf einen Text schreiben, den ich nicht schreiben wollte, über einen Krieg, den ich erst recht nicht wollte. Dafür mache ich George W. Bush persönlich verantwortlich! Er hat auch mir den Krieg erklärt!
Denn ich sage es ohne Umschweife: Ich würde lieber für die Rettung des gemeinen Milchschlauchs Unterschriften sammeln, als ständig wieder gegen irgendwelche Kriege demonstrieren zu müssen. Aber man muss die Feste wohl feiern, wie sie kommen. Beim ersten Golfkrieg vor 12 Jahren haben da wirklich ein Fest draus gemacht. Eine ganz große Party! Wir haben auf den Straßen für den Frieden getanzt - und das weit vor Loveparade und CSD! Als Gerüchte aufkamen, die USA würden morgens um 5 Uhr mitteleuropäischer Zeit losschlagen, haben ein paar Klassenkameraden und ich uns noch vor der Schule um halb 5 getroffen und Fernsehen geguckt. Unsere Eltern haben uns für bekloppt erklärt, aber wir waren jung und gegen den Krieg! Als um viertel nach 7 immer noch kein Angriff geschehen war und sich die Korrespondenten aus Langeweile nur noch gegenseitig interviewten, sind wir enttäuscht und müde in die Schule geschlichen.
Ich schrieb seinerzeit für unsere Schülerzeitung einen Kommentar zum Krieg. Damals habe ich das gerne, freiwillig und ohne Zwang durch die USA gemacht. Bis heute glaube ich, dass dieser Text für mein damaliges Alter unglaublich klug und reflektiert war. Ich war auch damals der festen Überzeugung, dass der ausgewogene, nachdenkliche Ton mindestens meinen Deutsch- und meinen Philosophielehrer beeindrucken würde. Hat er aber nicht. Denn die Ausgabe der Schülerzeitung, in der sich ganze 12 Seiten mit dem Krieg beschäftigten, kam exakt einen Tag nach dem Waffenstillstand aus der Druckerei. Zwischenzeitlich hatte ich mich mehrfach ertappt bei dem Gedanken, der Krieg möge wenigstens so lange dauern, dass mein Kommentar noch gelesen würde...
Schon damals hätte ich wahrscheinlich besser über Schlauchmilch geschrieben, aber für die interessierte ich mich nicht, denn in unserer Schule gab es noch Schulmilch und ich habe bis in die 11. Jahrgangsstufe das Milchgeld eingesammelt... das ist mir bis heute peinlich und eine andere Geschichte...
Dann begannen die legendären Schülerdemonstrationen. Wir haben Stunden geschwänzt, gegen den Krieg! Sind mit selbstgehäkelten Transparenten durch die Stadt gezogen, gegen den Krieg! Wir haben in Halle (Westfalen) auf der B68 gesessen und gegen das Hupkonzert der LKW-Fahrer für den Frieden gesungen! "Aveno shalom melechem! Wir wollen Frieden für alle! (2x) Wir wollen Frieden, Frieden, Frieden für die Welt!" Wir haben das gesungen bis zum Umfallen, also bis die Zuhörer umgefallen sind. Denn wir haben uns an unseren Vorbildern orientiert und das waren damals nun mal Gunsn´Roses. Unser Gesang, der Gesang einer Horde langhaariger, gerade erst post-stimmbrüchiger Pennäler war eine akustische Kriegserklärung an den Krieg! "Wir wollen Frieden für Alle!" - Seit ich begonnen habe, diesen Text zu schreiben, summe ich die Melodie wieder fortwährend vor mich hin, und das nicht aus aktuellem Pazifismus, sondern ich summe dieses Scheißlied immer noch gegen den 1. Golfkrieg. Seitdem kommt dieser Ohrwurm immer wieder. Aber Bush kommt ja auch immer wieder.
Ich weiß bis heute nicht, wieso wir da auf der Ampelkreuzung der B68 mit der Lettow-Vorbeck-Straße in Halle (Westfalen) gesessen haben und was das mit dem Krieg am Golf zu tun hatte. Die einzige Erklärung, die mir einfällt ist: Es war in Halle (Westfalen) die einzige große Straßenkreuzung. Außerdem waren wir jung, uns es war der erste Krieg in unserem Leben! Und das erste Mal ist ja immer etwas besonders! Da tut´s halt noch ein bisschen weh. Doch inzwischen klinge ich fast wie meine Großeltern: "Achja... mal wieder Krieg,... Ich hab schon so viele Kriege mitgekriegt: 1. Golfkrieg, Kosovokrieg, Afghanistankrieg, 2. Golfkrieg, 3. Golfkrieg." Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass dies der letzte Golfkrieg ist? Golfkriege wird es geben, solange die Bush-Familie noch Nachkommen zeugen kann. Es nur eine Frage der Zeit, bis Jenna und Barbara Bush, die beide mehrfach wegen diversen Alkoholdelikten vor Gericht standen, als erstes weibliches Zwillingspaar an der Spitze der US-Administration die Golfkriege 3 und 4 anzetteln. Als Zwillinge dürfte sie dann wahrscheinlich Irak und Iran gleichzeitig angreifen... Bei so vielen Kriegen... stellt sich Gewöhnung ein und man muss mit seinen Kräften haushalten! Damals war Krieg etwas Besonders und Schlimmes. Damals hätte ich während eines Krieges nicht an Schlauchmilch gedacht! Beschäftigung mit Schlauchmilch wäre mir zu profan gewesen, wenn andernorts auf dieser Welt ein unnötiger Krieg tobt. Ich bin vier Tage lang nicht aufs Klo gegangen damals, weil ich immer dachte: "Ich kann doch jetzt nicht kacken, während da unten Menschen sterben. Das ist doch nicht p.c." Zum Glück musste ich auch nicht, denn gegessen habe ich ja auch nichts. Aus Respekt vor den hungernden Kriegs-Kindern. Zum Glück war der Krieg kurz, ansonsten wäre ich noch eins seiner Opfer geworden.
Heute bin ich klüger. Natürlich demonstriere ich brav wieder mit - ein bisschen unwillig schon, denn ich würde lieber für Dinge mit weniger weltpolitischem Gewicht demonstrieren, z.B. für... ach, Ihr wisst schon...
Aber ich habe meine Bürgerpflicht erfüllt, bin heute Mittag zum Brandenburger Tor gelaufen, dummerweise etwas zu spät, als bei den ganzen Schülern die Handys klingelten und Mutti zum Essen rief. Aber ich war ja auch schon bei der größten Antikriegs-Demonstration der deutschen Geschichte am 15. Februar dabei. Doch irgendwie war früher alles schöner. Damals habe ich demonstriert bis zum Umfallen. Im Februar habe ich mir die Zehen exakt so lange abgefroren, bis ich mich in dem Glauben wähnte, mitgezählt worden zu sein. Dann bin ich nach Hause gefahren. Warum die Amis ihre Kriege auch immer im Winter führen. Mich nerven solche Demonstrationen, denn ich geh nicht freiwillig hin. Ich gehe hin, weil irgendein durchgeknallter Amerikaner mich durch sein Handeln dazu zwingt, gegen einen Krieg zu demonstrieren, von dem niemand so genau weiß, warum er geführt wird am wenigsten wohl der durchgeknallte Amerikaner selbst. Erst war es der internationale Kampf gegen den Terror, dann waren es Massenvernichtungswaffen. Andere meinen, es geht nur ums Öl, doch irgendwie ist das auch Quatsch, denn 350.000 Berufssoldaten mal eben für ein paar Monate in den Irak zu schicken, kostet bei weitem Mehr Kohle als das ganze Öl. In Bushs Ultimatum-Rede war es die Formel: Terrorismus plus Massenvernichtungswaffen plus ein Spritzer Öl plus vor allem: Demokratisierung. Und das sagt ein Mann, der ein Land führt, in dem nur eine Minderheit wählen geht, und dann eine Minderheit dieser Minderheit jemanden mehrheitlich wählen kann. Lochkarten für den Irak! Das macht so viel Sinn wie: Rettet die Schlauchmilch! Und dann gibt es ja noch so viele undemokratische Staaten auf dieser Welt! Bis Bush die alle in die Freiheit bombardiert hat, ist doch die Schlauchmilch längst ausgestorben! Das würde ich ihm nie verzeihen.
Für Bush ist der Krieg die "ultimatum ratio". Ultimo heißt zuletzt/Letzter, ratio Verstand. Zu deutsch: sein Verstand ist das Letzte.
Am stärksten beeindruckt hat mich auf der Demonstration im Februar der sympathische junge Mann, der durch die Menge schritt und im dem Brustton der Überzeugung laufend rief: "Rettet die Wale! Rettet die Wale!" In ihm hätte ich sicher einen wertvollen Mitstreiter für meine Schlauchmilch-Kampagne gefunden. Walfische, Milchschläuche. Für solche Anliegen möchte ich Verantwortung übernehmen, der Weltfrieden ist mir ne Nummer zu groß. Deshalb bin ich gegen den Krieg! Ich will keinen Krieg, weil ich keine Texte über den Krieg schreiben will. Nein, das klingt zu egoistisch, zu "bushig". Ich will keine Texte über den Krieg schreiben, weil ich gegen den Krieg bin. Okay, das klingt pazifistischer. Ich will lieber Schlauchmilchtexte schreiben! Diese Freiheit gilt es zu verteidigen. Dieser Text ist der Anfang dieser Operation. Dies sind die ersten Stufen eines breit angelegten und koordinierten Feldzugs. Und dies wird kein halbherziger Feldzug, wir werden als Ergebnis nur den Sieg akzeptieren. Denn: Schlauchmilchtexte sind pazifistische Texte! Schlauchmilch - weiß, wie ne Friedenstaube. In diesem Sinne fordere ich: Schlauchmilch für den Frieden!
"Wir wollen Schlauchmilch für Alle! Wir wollen Schlauchmilch für Alle! Wir wollen Schlauchmilch, Schlauchmilch, Schlauchmilch für die Welt!"