Grönemeyer kann doch nicht tanzen
von Nils Heinrich
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www.salbader.com Schuld war eine Seitenstrangangina. Wäre die nicht gewesen, wären eine Bekannte und ihre interessante Freundin mit aufs Herbert Grönemeyer-Konzert gekommen. Die Seitenstrangangina hat das Grönemeyer-Interesse meiner Bekannten aber im Keim erstickt, ihre äußerst interessante Bekannte wollte alleine, also nur mit mir, nicht hingehen und ich hatte zwei Karten für Grönemeyer zu viel, die ich nur gekauft hatte, um an die interessante Bekannte ran zu kommen. Ich persönlich finde, daß man Grönemeyer nicht live sehen muß, er klingt live wesentlich undeutlicher als auf Platte, seine kryptischen Texte verschlüsselt er mit Gurgellauten, und er brüllt rum wie mein Nachbar, wenn er abends stramm wie ein Seefahrer aus dem Katerstübchen kommt und laut Grönemeyer-Musik hört und mitsingt. Was man zu dieser Musik nicht kann, ist tanzen, es sei denn, man bezeichnet das als tanzen, was Grönemeyer auf der Bühne macht. Dann sind aber auch alle Spastiker dieser Welt hervorragende Tänzer. Ich war also verdammt, auf ein Konzert zu gehen, für das ich mir ohne Grund nie Karten besorgt hätte. Vielleicht konnte ich aber doch noch Begleiter finden. In meiner Not bat ich Freunde am Telefon um Beistand.
Markus: "Was? Grönemeyer? Also bitte! Dieses 'Mensch' ist ja der perfideste, abgeschmackteste, sinnloseste Leiersong, der jemals gemacht wurde. Und der Rest von Grönemeyer ist doch auch Müll, sein wir doch mal ehrlich!" "Kommst Du jetzt mit oder nicht?" "Ähm, ich frag mal meine Freundin, ich meld' mich gleich noch mal!" Ich lege auf, es klingelt, ich nutze die beim Auflegen entstandene umgekehrte kinetische Energie, um schwungvoll wieder abzuheben. "Ja, Markus hier. Meine Freundin hat keine Lust, und da will ich dann auch nicht. Tut mir leid. Tschüß!" Ich rufe Albrecht an, der sich, seit ich denken kann, Radio und Fernsehen verweigert, aber sonst fast alles mitmacht. Am 1. Mai in Kreuzberg jedenfalls.
"Hallo, da ist der Albrecht...." "Ja, Mensch, Albrecht, ich bin's, Nils. Sachma, hast Du Freitagabend Lust, mit mir aufs Grönemeyer-Konzert zu kommen?" "Freitagabend, klar, also ich hab Zeit. Wohin soll ich mitkommen?" "Zum Grönemeyer-Konzert, mit 2Raumwohnung davor." "Auf'n Konzert? Wer spieltn?" "Na Grönemeyer! Und als Vorgruppe 2Raumwohnung." "A ha........Ne Vorgruppe. Ich dachte, Du willst umziehen. Wer is'n das, Grünemayer, was macht'n der so?" "Na, seine Musik halt. Seine Grönemeyer-Musik. Also, Musik mit deutschen Texten eben, sehr erfolgreich, läuft oft im Radio.." "Ach das läuft oft im Radio! Also ich glaube ja, daß im Radio nur Scheiße läuft, darum hab ich ja auch keins. Nee, laß mal. Ich leg jetzt wieder auf, Du. Ruf mich nicht mehr wegen sowas an, ok?" Dann legte er auf.
Naja, vielleicht klappts ja mit Klaus. "Hallo, hier ist der AB von Klaus. Bitte sprechen Sie bei Bedarf nach dem Ton aus Band. Vorher aber noch ein kleiner Gruß an meinen speziellen Freund Nils: Nils, du alte Fitflasche, wenn Du anrufst, weil Dir wieder eins Deiner Weiber abgesprungen ist, dann sage ich Dir jetzt, auf welche Konzerte ich auf keinen Fall mitkommen werde: Ibrahim Ferrer, Chris de Burgh, Björk, Pur, Gianna Nannini, Christina Aguiliera, Jeanette Biedermann, DJ Bobo, Scooter, Meat Loaf und, ähm: Herbert Grönemeyer. Wenn Du allerdings Karten für Robbie Williams hast, dann sag jetzt, daß ich endlich ans Telefon gehen soll!" Ich legte auf. Auch die anderen wollten oder konnten nicht mit. Hans spendete mir nach seiner Absage immerhin Trost. Nachdem ich ihn gefragt hatte, warum Millionen Menschen Grönemeyer-Platten und Konzertkarten kaufen, ich aber in meinem Freundeskreis nicht einen einzigen Interessenten dafü finde, sagte er mit warmen, lobenden Worten: "Tja, mein Lieber! Das spricht eben für die erlesene Qualität Deines Freundeskreises. Das sind alles dufte Leute, die sich so einen Scheiß nicht antun!" Ich bin also nur mit Grönemeyer-Hassern befreundet. Mit Leuten, denen es egal ist, daß es da einen gibt, der seine Finger immer wieder tief in gerade am Verheilen seiende deutsche Befindlichkeitswunden bohrt, um diese wieder aufzureißen und uns aus unserer individuellen Bequemlichkeit wachzurütteln, auf das wir uns unseres verkorksten Lebens bewußt werden, zu ihm aufschauen und huldvoll flüstern: "Heiland Herbert, verrate uns die Lösung!"
Mit den beiden Karten-Problemen, die ich nicht losgeworden bin, fuhr ich in den Osten Berlins, zur Kindl-Bühne Wuhlheide, formerly known as Parkbühne Wuhlheide. Hin zum gnadenlos ausverkauften Grönemeyer-Konzert.
Schon am S-Bahnhof nahte die Rettung: "Suche Karte!", brüllte mir ein Schild entgegen. "Habe Karten!", rief ich hoffnungsvoll. Für den Originalpreis wurde ich sie an einen jungen Mann mit Sonnenbrille los. Nach Handelsabschluß verlieh ich noch kurz meiner Naivität Ausdruck, indem ich ihm viel Spaß wünschte, was er aber nicht mehr hörte, weil er sein "Suche Karte"-Schild hochhaltend davon eilte, zwei große, dicke Euro-Zeichen in den Augen. Eine Karte hatte ich für mich behalten. Die Mutprobe Grönemeyer wollte ich bestehen. "Das beste von gestern bis Mensch"- so das Motto des Konzerts, ließ Menschen in "Mensch"-Shirts um mich herum sein, die Mensch-Shirts trugen mit dem Schriftzug "Mensch" in Höhe der Brust. Jeder, der ein solches Shirt trägt, wird Mensch. Da ist man keine graue, nebelkrähengleiche Verwaltungsangestellte mehr, kein Vokuhilaträger mit Schenkelbürste im Gesicht, kein veganischer Waldorfschüler, kein Außerirdischer, sondern jeder ein Mensch. Für nur 20 Euro. Almost Kirchentag. Die T-Schirts machen menschlich, ebenso wie die Mensch-Sitzkissen für 5 Euro und die Mensch-Bierbecher und die Mensch-Schlüsselbänder für 10 Euro. Im Amphitheater- Rund vor der Kindl-Bühne sitzen Menschen wie Du und Ich, junge Menschen, die sich über Michaels Schumachers miserable Leistung in dieser Saison beschweren (Ich kriege keinen Parkplatz, ich komm zu spät zu Dir mein Schatz), und Menschen, die aus ihrem mitgebrachten Wanderflachmann Wilthener Goldkrone zwitschern (Alkohol ist das Dressing für Deinen Kopfsalat). Als der Bochumer Sozial- und Selbsttherapeut, den alle hier nur Herbert nennen, mitten aus dem Publikum heraus auf die Bühne tritt, stehen alle, alle, alle auf von ihren schönen Sitzplätzen. Auch die, die für fünf Euro Mensch-Sitzkissen gekauft haben. Denn jetzt heißt es Mittanzen, Mitschunkeln, Mitklatschen, Mitwinken. Aber nicht für mich. Ich erkunde mit den Händen die Untiefen meiner Hosentaschen und bin cool. Ich beobachte, was sich jetzt abspielt.
Willkommen im Universum Grönemeyer, willkommen in einem größeren Leben, als wir eines haben. Ein junges Pärchen, beide Stammkunden bei Fielmann, stehen hintereinander, sie hängt wie ein Koala-Junges auf seinem Rücken und schlingt ihre Arme um seinen Hals. Beide stehen wie festbetoniert, singen aber "Ich dreh mich um Dich, ich dreh mich um Dich, alle Qualen, alle Folter werd ich überstehen!". Wenig später sind sie anderer Meinung: "Gib mir mein Herz zurück, Du brauchst meine Liebe nicht!". Hier wird blind mitgesungen, nicht nachgedacht. Ob Herbert das weiß? Ein graues Pärchen küßt sich im Takt bei "Was soll das?", das komplette Lied lang. Fünf Minuten. Sie scheinen Nahrung auszutauschen. Ein blasses Vollbartmännchen, das normalerweise von der BVG untertage versteckt wird und bestimmt noch nie in Bochum war, geschweige denn weiß, wo Bochum liegt, singt mit allen anderen: "Bochum, ich komm aus Dir!". So unglaublich muß es auch 1988 beim Springsteen-Konzert in Ost-Berlin zugegangen sein, als 200.000 DDR-Bürger "Born in the USA" gesungen haben. Bei Mambo spielen wir schließlich alle mit riesigen bunten Luftballons, die von der Bühne ins Publikum getreten werden. Und während wir die Ballons weiterstoßen, geht ein silberner Flitterregen auf uns nieder, der von vier Kanonen in die Arena gepupst wird. Jaaaaa, so muß es sein, wenn man den DFB-Pokal gewonnen hat! Anderthalb Stunden spielt der Herbert, dann geht er von der Bühne. Um noch drei-, vier-, fünfmal wiederzukommen. Was dann auch nochmal anderthalb Stunden dauert. Was insgesamt 3 Stunden stehen macht. Es ist...schon OK, es tut gleichmäßig weh, vor allem an den Füßen. Dann ist Schluß, das Nadelöhr am Ausgang entläßt die Grönemeyer-Familie zähfließend mit zitternden Knien in die Nacht, damit sie am S-Bahnhof ihre friedliche Eintracht über Bord werfen kann, um sich gegenseitig die Stehplätze in der S-Bahn wegzuschnappen. Scheiße, unser normales Leben hat uns wieder. Resümee: Der Mensch ist Mensch, weil er schwitzt und weil er stinkt, weil er Pfand bezahlt, Kindl-Pilsner trinkt; ich hab Grönemeyer-Karten, und du fehlst.