Ist der Wedding Bielefeld?
von Volker Surmann

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Es gibt Dinge, die verfolgen einen sein Leben lang. Dazu gehört die Reaktion eines beliebigen Gegenübers, wenn man sagt, man kommt aus Bielefeld, hat dort gerne gelebt und mag die Stadt auch – soweit sie es zulässt.

Das ist übrigens genau das gleiche Gesicht, das Berliner gerne machen, wenn man sagt, man mache bei einer Lesebühne im Wedding mit, oder lebe dort gerne oder möge den Stadtteil – soweit er es eben zulasse.

Allein die Erwähnung von Bielefeld, respektive dem Wedding, reicht für das Wedding- respektive Bielefeld-Face. – Eine Fratze, die das ausdrückt, wozu meine Oma früher immer zu sagen pflegte: "Herrjemineh".

Manchmal stelle ich mir deshalb die Frage: Ist der Wedding Bielefeld?

Habe ich mit meinem Umzug aus einem kabarettistischen Bielefeld-Dasein in eine Weddinger Leseexistenz eine Reise vom Regen in die Traufe angetreten?

Nun lese ich nur im Wedding und lebe statt dessen in Friedrichshain, doch wenn Bielefeld, der Regen und Wedding die Traufe ist, dann ist Friedreichshain Im-Schneeregen-auf-die-verdammte-Tram20-Warten. Aber das ist eine andere Geschichte. Diese heißt:

Ist der Wedding Bielefeld? Als ich mit dieser Frage gestern schwanger ging und mit dieser Frage auch noch eine Bekannte schwängerte, sagte die: "Wenn Bielefeld wie der Wedding ist, will ich da nie hin." Und die hat 12 Jahre im Wedding gelebt, doppelt so lange wie ich in Bielefeld. Muss die es wissen und mir das was sagen?

Bielefeld ist der Inbegriff, wofür, weiß niemand so genau. Man hat nur einen ungefähres Gefühl davon, und von Bielefeld auch. Man weiß nicht genau, wo es liegt, wie groß es ist, was es auszeichnet. Aber gehört hat von Bielefeld jeder schon einmal. Den Berlinern geht es mit dem Wedding nicht anders. Auch der Wedding ist ein Synonym. Wofür weiß auch hier niemand so genau. Ein Inbegriff wie auch Mahrzahn, Lichtenberg und Zehlendorf Inbegriffe aber keine In-Bezirke sind. – Bielefeld und Wedding sind Synonyme vor allem im Wortschatz derjenigen, die dort nicht wohnen, nie gewohnt haben oder nicht wohnen wollen. Niemand kennt zwar Bielefeld, aber das macht ja nichts. Hildesheim, Hattingen oder Ludwigshafen kennt auch niemand, und wohnen will man da ebenfalls nicht. Und in Mahrzahn, Lichtenberg oder Zehlendorf will man ja auch nicht wohnen.

Dabei ist der Wedding der Einzige der Berliner Bezirke, den man durch Streichung des Anfangsbuchstabens in ein praktisches Schreibgerät verwandeln kann. Man versuche das mal bei Charlottenburg oder Kreuzberg, Reuzberg und Harlottenburg. Damit lassen kann sich keine U-Bahn-Waggons vollkritzeln.

Eine Kollegin, vor zwei Jahren aus Hamburg in der Prenzlauer Berg übergesiedelt, prägte neulich den Satz, der Wedding sei der Punkt, wo ihr diese Stadt definitiv zu groß werde. Und vielen Deutschen geht es mit Bielefeld ähnlich. "Bielefeld? Nein, das sind nun definitiv zu viele Städte in dieser Republik!".

Kein Städtename fällt bei Harald Schmidt häufiger, der Name selbst garantiert Lacher. Wer von Bielefeld spricht, weiß, wovon er spricht, auch wenn er keine Ahnung hat, wovon er redet. Das geht nur mit Bielefeld und dem Wedding, vielleicht noch mit Braunschweig und Neukölln, aber bei Osnabrück und Moabit wird’s schon schwierig.

Seit ein paar Jahren geistert die "Bielefeld-Verschwörung" durch das Internet, die Theorie, nach der es Bielefeld gar nicht gibt. Könnte es so etwas wie eine Wedding-Verschwörung geben?

"Als ich nach Berlin zog, wusste ich nichts von einem Stadtteil namens Wedding. Doch dann fiel mir auf, dass immer wieder vom Wedding gesprochen wurde, aber ich immer noch niemanden kannte, der selbst schon einmal dort war. Und das ging Vielen so. Wir begannen am Wedding zu zweifeln. Doch irgendjemand von uns muss geplaudert haben, denn plötzlich tauchten Leute auf, die vorgaben, schon einmal in Bielefeld... äh im Wedding gewesen zu sein...

(Am Rande: Mit Bielefeld hätten SIE ganze Arbeit geleistet. Denn außerhalb von Bielefeld sind mir noch nie so viele Ostwestfalen auf einem Haufen begegnet wie hier in Berlin (inzwischen verfolgen sie mich bis auf die Lesebühnen), was mich schon zu der Vermutung führte, mit Bielefeld sei es ähnlich wie mit Irland oder der Türkei. Die meisten Iren leben ja in Amerika, und Berlin ist die zweitgrößte türkische Stadt. Wahrscheinlich ist Berlin auch das zweitgrößte Bielefeld. Doch wir waren beim Wedding...)

Plötzlich tauchten also Leute auf, die behaupteten, schon im Wedding gewesen zu sein, sogar Personen, die vormals noch lauter Zweifel geäußert hatten, berichteten nun davon, sich mit eigenen Augen von seiner Existenz vergewissert zu haben – immer hatten diese Personen bei ihren Berichten einen seltsam starren Blick. Sprachen davon, eine Lesebühne im Wedding aufzumachen. SIE versuchten und versuchen uns und mir das weißzumachen, doch ich weiß, und ich weiß es, weil es auf meinem Stadtplan steht: es gibt keinen Wedding, wir sind hier doch in MITTE!

Sie sagen es gibt Bielefeld nicht, weil dort wo es sein sollte in Wahrheit die CIA John F. Kennedy seit dem angeblichen Attentat versteckt wird, damit er nichts über die vorgetäuschte Mondlandung der NASA erzählen kann. SIE könnten ebenso gut behaupten, dass dort, wo der Wedding sein sollte, der BND Erich Honecker nach seinem vorgetäuschten Krebstod versteckt gehalten wird, damit er nicht erzählt, dass nicht SIE das Volk waren, sondern Elf-Aquitaine die DDR nur das DDR-Tankstellennetz kaufen wollte." Alles Quatsch. Bielefeld, das muss ich als Patriot aus einem dem Wedding geschwisterlich verbundenen Ostwestfalen zurufen, Bielefeld IST, so wahr der Wedding IST!

Wie sich die Sätze gleichen: "... ist halt ne alte Arbeitergegend..." – "sehr grün auch, ja schon..." – "Krieg, jaja, hat aber auch schöne Ecken." –

Die Bielefeld-Verschwörung wurde übrigens in Kiel erfunden. Ausgerechnet Kiel. Auch nur eins von den vielen Weddefelds und Bieldings in Deutschland, die man nicht kennen muss, um sie zu kennen. Wer Bielefeld kennt, kennt den Wedding, wer den Wedding kennt, kennt Bielefeld. Wer beides kennt, hat viel von der Welt gesehen.

P.S.: Neulich trug der Spiegel den Berliner Zeitgeist und die Hauptstadtkultur zu Grabe und formulierte den denkwürdigen Satz: "Berlin wird Bielefeld". Dem sollte man fröhlich begegnen: Wieso nicht? Dann wird Wedding Hauptstadt.

© Volker Surmann