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voice behind the Boys von
Teppo Jokinen
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Wie es damals wirklich war, kurz bevor alles begann Es war Anfang Februar 2003:
Der Zufall hatte Jaakko und mich von Frankfurt/Main nach Berlin verschlagen,
und wir bewohnten seit einem halben Jahr ein Hinterhaus in der Liebenwalder
Straße 39 im Wedding. Das Erdgeschoss unseres neuen Domizils hatten
wir schon „LAINE-ART“ getauft und als einen experimentellen
„Kunstraum“ gedacht. Mit dem Programm waren wir noch beim
Aufbauen; die erste Ausstellung war gerade geplant, und einige Hörspiel-Bügel-Abende
hatten wir schon hinter uns. Aber es fehlte noch was … Der Restaurantbesitzer meinte, vielleicht könnten wir diesen Herrn bei der Raumsuche weiterhelfen. Dieser würde vielleicht bei der nächsten Lesung, die er in seinem Lokal organisierte, auftauchen. – Gut, sagte ich unbedacht, vielleicht komme ich auch vorbei. Im lautlosen Salon des Restaurants saßen cirka fünf Leute zerstreut im Raum weit voneinander entfernt. Laut den Regeln dieser Lesungen, wurde mir genau erzählt, dürfte jeder seine eigene oder Texte von anderen vorlesen, oder halt nur zuhören. Ich beschloss zu schweigen und versuchte vergebens den Herrn zu erkennen, der hier die „richtige“ Lesebühne gründen wollte. Zu meiner Enttäuschung war er anscheinend nicht anwesend. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie er aussehen sollte, aber ein etwas älterer Herr sollte er wohl sein, eine Mischung aus Theaterregisseur und einem bohemen Gelehrten, wohl leger gekleidet, aber vielleicht trotzdem im Anzug, vielleicht hat er eine Glatze und wenigstens eine goldene Armbanduhr – oder einen dicken Steinring am Kleinen Finger. Nein, er war nicht da. Ich wollte weggehen, aber die erste Leserin hatte inzwischen schon angefangen, und es wäre für einen Finnen zu unhöflich gewesen, sofort wegzurennen. Die Leserin, oder besser gesagt die Selbstdarstellerin – eine korpulente Frau Mitte vierzig –, nahm ein mir völlig unbekanntes, meterlanges Blasinstrument hervor und fing an, verschiedenste Laute aus der Röhre klingen zu lassen. Ihrer Präsentation folgte eine Lyriklesung, die alle späteren Lyrikinterpretationen der „zu Recht vergessenen Lyriker“ von Frank Sorge deutlich übersteigerte. Langsam ging mir ein Licht auf: Diese Leute bilden eine Selbsthilfegruppe, sie verarbeiten hier ihre Ängste und Hemmungen. Ich habe eigentlich nichts dagegen – nur, ich hatte kein Bedürfnis, eine – nach meiner Meinung – Therapiesitzung mitzumachen. Ich wollte bloß den geheimnisvollen älteren Herrn treffen und mit ihm über die Möglichkeit einer künftigen Lesebühne sprechen. Leise schleifte ich schon in Richtung Tür, als ein junger Mann mit Brille auftrat. Er stellte sich kurz vor und fing sofort an zu lesen. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie sein Text hieß: Wodka saufen! Und nicht nur der Titel, sondern auch die skurrile und lustige Story, die er vor meinen Augen literarisch ausbreitete, sind mir im Gedächtnis geblieben. So was Ulkiges hatte ich nicht erwartet. Die halbdutzend Zuhörer klatschten leise und geniert. Das Programm war damit beendet. Ich ging begeistert zu ihm und wollte mich für seinen Text bedanken. Was für ein Zufall: Nils Heinrich hieß er, und er wollte eine richtige Lesebühne im Wedding gründen! Ah, er war der, „der ältere Herr“! Ich nannte ihn lange Nils Heine, weil ich seinen Namen so verstanden hatte. Wir verließen das Lokal und ich zeigte ihm das LAINE-ART. Er lief schweigend ein paar Mal im Raum herum, schaute auf die Toilette, und meinte: „– Ich meld’ mich später, also dann, Tschüüss“. Meine Begeisterung war hin, wie ein alter Luftballon. Wie konnte ich so naiv sein? Was hatte ich mir bloß eingebildet? Ich schaute mich herum und sah vier weiße, kahle, mit grellem Neonlicht beleuchtete Wände und nicht einmal eine Bühne zum Auftreten. Natürlich reichen diese Bedingungen für eine richtige, professionelle Berliner Lesebühne nicht aus. Keine einzige Lesebühne hatte ich bisher besucht, aber ich ahnte es schon: So geht es nicht. Bedrückt schaltete ich das Licht aus und vergaß sowohl den Herrn Heine als auch die ganze Idee einer Lesebühne. Meine Überraschung war
umso größer, als nach zwei Wochen das Telefon klingelte und
Nils sich meldete: Er habe mit einigen Kollegen vorläufig über
die Gründung einer neuen Lesebühne gesprochen, und sie alle
fünf (Hinark war noch nicht geboren – geboren natürlich
schon, aber nicht als ein Brauseboy) wollten möglichst bald zusammen
den Raum besichtigen. Na gut, dachte ich. An dem besagten Abend hatten
Jaakko und ich eine andere Verabredung, aber wir dachten die Besichtigung
würde sowieso nur eine Viertelstunde in Anspruch nehmen. Es dauerte
aber schon eine Weile, bevor alle Eingeladenen aus anderen Bezirken
Berlins erst ankamen (war Frank wohl der Letzte??). Nun saßen
alle da, aber wir stellten fest, die kennen sich ja nicht einmal untereinander.
Nils wollte wissen, welcherlei Texte oder Lieder die anderen vortragen;
wohl lustige wie er? Ein Wortwechsel ist mir in Erinnerung geblieben.
Nils meinte zu Heiko: „Du schreibst doch lustige Songs!“.
Heikos lakonische Antwort kam prompt: „Nöö, überhaupt
nicht!“ Wir wechselten einige Kommentare auf finnisch –
„Das fängt ja gut an“ – und schauten auf die
Uhr. Es fehlte aber noch eine wichtige, sozusagen die wichtigste Entscheidung.
Wie soll diese Lesebühne heißen? Der flinke Nils hatte schon
einige Stichwörter gesammelt, und da die Dusche auf der Toilette
war, gewann der Vorschlag „Brauseboys“ die allgemeine Akzeptanz.
Und auch, dass der erste Auftritt in zwei Wochen, sprich am Donnerstag,
den 20. März 2003, stattfinden sollte. Die Weddinger Lesebühne,
die Brauseboys, waren geboren.
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