_
Amoklauf im Theater - alle tot von
Heiko Werning
| Wichtigtuerei,
Gerüchte, Halbwahrheiten: Gäste |
„Amoklauf“
– „Angriff“ – „Barbarei“ – „Entsetzen“
– „unentschuldbarer Vorfall“ ... Was ist passiert? Hat George Bush versehentlich das falsche Land mit einer Atombombe ausgelöscht? Haben die Mullahs den dänischen Karrikaturisten bei lebendigem Leib den Bauch aufgeschlitzt? Oder, wenigstens das, sind Franz Müntefering und Angela Merkel in flagranti in der Hotelsuite ertappt worden? Nein, nichts dergleichen. In Frankfurt ist ein Theaterstück aufgeführt worden, ein absurdes Theaterstück in einer modernen Inszenierung. Der Kritiker Gerhard Stadelmaier – wer ihn nicht kennt: man stelle sich einfach den Arbeitgeber-Mastino Dieter Hundt mit sehr schlechter Laune vor, dann hat man ein ziemlich präzises Bild von dem Mann vor Augen –, der FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier besuchte dieses Theaterstück, und es hat ihm nicht gefallen. Daraufhin ist er nach Hause gegangen. Beziehungsweise – wahrscheinlich eher zum UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag oder zum Internationalen Gerichtshof, denn seiner Meinung nach ist an diesem Abend ein Verbrechen, ach was: *das* Verbrechen an der Zivilisation des Abendlandes verübt worden. Was war vorgefallen? Unter der Überschrift „Angriff auf einen Kritiker“ beschreibt Stadelmaier den ungeheuerlichen Vorfall selbst. Zunächst die schockierende Szenerie: Schauspieler erbrechen minutenlang Mineralwasser, einer Schwangeren wird das Fruchtwasser abgezapft und dieses dann geschlürft, wobei eine andere Frau zwei Männer, die „Ein Bier!” verlangt hatten, ausgiebig masturbiert und das Publikum gebeten wird, doch mit den Schauspielern mal rumzuwandern und hinter Wände zu horchen. Männer, die „ein Bier!“ verlangen. Zuschauer, die hinter Wände horchen sollen. Ein Skandal! Oder, um es mit Stadelmeier zu sagen: Ein Skandal! Aber es kommt noch ärger: Als ich über den toten Schwan, den die Schwangere aus ihrem Fruchtwasser hervorpreßte, zu lächeln wagte ..., und hier wird es ja doch bereits etwas verwirrend. Mit was für Spezialeffekten mögen die da in Frankfurt arbeiten, geht es mir durch den Kopf, klingt ja fast wie bei Alien, vielleicht sollte ich doch mal wieder ins Theater gehen. Aber bleiben wir bei der Sache, während also das Publikum angestrengt an den Wänden horcht, eine Frau zwei bierdurstige Männer befriedigt und eine Schwangere einen Schwan gebirt, da lächelt Herr Stadelmaier also. Dabei hätte er es wissen können – wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, denn jetzt sagte der Schauspieler Thomas Lawinky zu einer Mitspielerin: „Der da” (und da deutete er auf mich) „hat gerade gelacht. Zeig dem mal das Kind.” Dann legten sie mir den toten Schwan in den Schoß. Wer dächte da nicht an Rügen, tote Schwäne, Todesseuchen, die Bundeswehr. Kein Wunder, dass Stadelmaier fürchtet, jetzt auch von einem ABC-Einsatztrupp in einen dieser blauen Säcke gepackt zu werden, die Situation ist also bis zum Äußersten gespannt, und dann das: Herr Lawinky forderte mich auf: „Schreiben Sie, daß das ein schönes Kind ist, schreiben Sie das. Sie sehen doch so klug aus.” Nicht umsonst aber gilt Stadelmaier als einer der scharfsinnigsten und formulierungsgewandtesten Feuilletonisten Deutschlands, und so ertönt seine vernichtende Replik: „Sie leider nicht”. Tja. Gut gegeben, Alter, ey! Kein Wunder, dass dies den Schauspieler völlig aus der Fassung bringt und zum Äußersten treibt, denn jetzt geschieht das Unfassbare: Er riß mir meinen Kritikerblock brutal aus der Hand, rannte auf die Spielfläche, hob meinen schönen Spiralblock wie eine Trophäe hoch und schrie: „Wollen mal sehen, was der Kerl geschrieben hat.” Ich lege die FAZ aus der Hand und bin sehr traurig. Den Kritikerblock! Er hat ihm seinen Kritikerblock genommen. Seinen schönen Spiralblock. Was ist nur los mit dieser Welt. Jesus, Gandhi, Gundermann – sind sie denn alle ganz umsonst gestorben? Fassungslos starre ich auf meinen Schreibtisch. Auf meinen Spiralblock. Man muss es sich ja nur mal bildlich vorstellen! Ich nehme allen Mut zusammen, greife die Zeitung mit zitternden Händen wieder auf und versuche, durch das Meer der Tränen hindurch weiterzulesen: Er konnte aber meine Notizen nicht verstehen und gab mir den Block zurück mit den Worten: „Schreib weiter, Junge, der Abend wird noch furchtbar.” Den Spiralblock einfach wieder zurückgeben! Der Kritikerblock! Entweiht! Da blieb Stadelmaier natürlich nur noch eines. Er tritt den Rückzug an. Als ich (...) den Saal verlassen wollte, rief er mir „Hau ab, du Arsch! Verpiß dich!” nach. Man ist beschämt und sprachlos. Und wer wollte Stadelmaier nicht zustimmen, wenn dieser anklagend schreibt: Das ist neu. Das hat es im Theater noch nie gegeben. Nie auch habe ich mich in meinem über dreißigjährigen Kritiker-Leben so beschmutzt, erniedrigt, beleidigt gefühlt. Man könnte es natürlich auch anders ausdrücken, z. B. wie Stadelmaier, wenn er anklagt: Soeben hatte man auf eklatante Weise einem Kritiker die Freiheit genommen, seinem Beruf nachzugehen. Allerdings könnte man auch Anklage erheben, wie beispielsweise Stadelmaier: Eine Attacke auf meinen Körper und meine Freiheit, die nichts weniger als die Freiheit der Presse ist. Die Pressefreiheit. Na klar. Was sind schon ein paar Mohammed-Karrikaturen und brennende Botschaften gegen einen geschändeten Kritikerblock. Nun könnte man es sich ja einfach machen und einfach sagen: Mein Gott ja, ein Schwung Bekloppter halt. Dabei kann ich Herrn Stadelmaier grundsätzlich sogar verstehen. Mein persönliches Bedürfnis danach, tot geborene Schwäne in erbrochenem Mineralwasser zwischen gewichst werdenden Männern auf den Schoß gelegt zu bekommen, hält sich ebenfalls in Grenzen. Auch dass er nicht auf Aufforderung an Wänden lauschen mag, sei ihm zugestanden. Ich finde jede Form von Mitmachtheater abstoßend, egal ob von drittklassigen Kabarettisten oder in der Hochkultur. Aber das Schöne am Mitmachtheater ist ja: Man muss gar nicht mitmachen, man muss nicht einmal hingehen. Man weiß das doch. Ich bin nun wirklich kein besonderer Theaterkenner, aber nichts an den Beschreibungen der Frankfurter Inszenierung scheint mir irgendwie besonders provokant, außergewöhnlich, revolutionär oder wasauchimmer zu sein. Ein Haufen moderner Theatermacher hat gemacht, was moderne Theatermacher halt so machen. Viel Dreck und Krach, zum Beispiel. Wahrscheinlich mit Tiefgang. Vielleicht auch nicht. Was soll´s. Wenn man da hingeht, weiß man doch, was einen erwartet. Da finde ich es schon eher enttäuschend, dass das provokante Theater auch 2006 nicht Skandalöseres hinbekommt, als einem griesgrämigen Kritiker den Spiralblock für einen kurzen Moment abzunehmen. Wenn Lawinky ihm wenigstens ordentlich was aufs Maul gegeben hätte! Aber so? Worüber beklagt sich Stadelmaier überhaupt? Der Mann ist Theaterkritiker. Wenn ihm das zeitgenössische Theater nicht gefällt, soll er sich halt einen anderen Job suchen. Wenn er aber einerseits dennoch die Vorstellungen besucht und andererseits hinterher offenbar lustvoll-bösartige Verrisse darüber schreibt, dann soll er sich auch nicht wundern, wenn mal jemand anders austeilt. Stadelmaiers Gejammere darüber ist so erbärmlich wie das eines Soldaten, der beklagt, dass die anderen einfach zurückschießen. Dass aus den infantil-hysterischen Anfällen dieses Backfischs ein veritabler Skandal werden konnte, in dessen Verlauf die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt als Trägerin des Theaters, ohne auch nur Rücksprache mit irgendeinem der Betroffenen zu halten, öffentlich die sofortige Suspendierung des Schauspielers fordert und diese auch anstandslos durchgeht, und dass sich allen Ernstes andere Feuilletonisten finden, die sich nicht über Stadelmaier wegschmeißen vor lachen, sondern ihn auch noch mit viel Getröte verteidigen, das lässt einen dann allerdings Schlimmes befürchten über die Lage an der Theaterfront. Dabei wäre doch alles so leicht zu lösen: Thomas Lawinky soll nicht straffrei ausgehen, nein, nein. Wem als Kulturschaffender keine originellere Beschimpfung einfällt als „Verpiss dich, du Arsch“ und wer einen entrissenen Spiralblock einfach wieder zurückgibt, wahrscheinlich nach sorgfältigem Drüberstreichen, damit es keine Eselsohren gibt, der sollte mindestens ein halbes Jahr lang im Hamburger Ohnesorg-Theater den Jedermann spielen müssen. Danach sollte er genug Frustpotenzial angesammelt zu haben, um mal wirklich wütendes Theater zu machen. Und Stadelmaier, der eben Sachen schreibt wie: Eine Attacke auf meinen Körper und meine Freiheit, die nichts weniger als die Freiheit der Presse ist? Ja, wurde der Mann denn eingesperrt? Und warum eigentlich nicht? Für solche Fälle gibt es doch gerade geschlossene Abteilungen. Da müsste Stadelmaier, die Personifikation der Pressefreit, sich dann auch nicht mehr mit unfähigen Schauspielern herumärgern, sondern könnte endlich mit Leuten seines Kalibers verkehren: mit Jesussen, Napoleons und Voltaires. Und Europa kann sich glücklich schätzen, dass die Muslime nicht solche hysterischen Jammerlappen sind wie Herr Stadelmaier, sonst wäre Dänemark heute längst ein Trümmerhaufen. |