_SPIEGEL-Reporter
in Neukölln
von Heiko
Werning
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Der SPIEGEL, das Fachmagazin für investigativen Journalismus, die Institution zur Aufdeckung der ganz großen Skandale in der Gesellschaft, das Hohepriester-Seminar für wirklich durchrecherchierte Geschichten, hat einen neuen, einen richtig großen Fisch an der Angel. „Gewalt im Klassenzimmer“ titelt er auf seiner neusten Ausgabe, und zur Illustration sehen wir ein schockierendes Dokument von kaum zu fassender Grausamkeit, ein echter Eyecatcher, ein Bild, das viele noch in ihren schlimmsten Alpträumen verfolgen wird. (Zumindest, wenn sie Fotografen oder Grafiker sind.) Und wir ahnen bereits: In diesem Heft wird schonungslos aufgedeckt, analysiert, gewarnt. Schließlich hat das angesehene Politmagazin es ja schon immer gewusst. Im Editorial lesen wir die traurige Historie: „Der Hilfeschrei von Lehrern aus Berlin-Neukölln überraschte SPIEGEL-Redakteuer Peter Wensierski vergangene Woche nicht. Schon vor neun Jahren hatte er unter der Überschrift „Endstation Neukölln“ den Verfall des Bezirks schonungslos beschrieben.“ Aufgedeckt geradezu, möchte man hinzufügen, und wundert sich dann beim Studium der Titelstory aber doch ein bisschen, wie all das unbemerkt bleiben konnte von der Öffentlichkeit, ja, letztlich ja sogar von einem selbst, der man doch regelmäßig aus Gründnen in diesen Bezirk geriet. Da habe ich wohl nicht gut genug hingeguckt, befürchte ich, ach was, wahrscheinlich habe ich meine Augen einfach verschlossen vor der Wahrheit. Denn die sieht laut SPIEGEL so aus: „Es sieht es so aus, als ginge es dort inzwischen zu wie einstmals in der Bronx. Es wirkt wie eine Ansammlung vieler kleiner Kopien von Städten wie Karatschi oder Lagos, Städten also, die nicht mehr zu kontrollieren, nicht mehr zu regieren sind. In Deutschland sind es keine ganzen Metropolen, es sind bloß Viertel, aber sie sind abgetrennt vom Rest der Stadt, sie sind Ghettos.“ Ja, ja, Neukölln, im Volksmund schon lange bekannt als das Karatschi des Nordens bzw. das Lagos an der Spree. Aber wurden denn einstmals in der Bronx etwa auch Currywürste erst in Stücke geschnitten und dann anschließend frittiert, wie es bei „Maximilian´s Spezialitäten“ an der Hasenheide heute gang und gäbe ist? Steht in Karatschi auch ein vergleichbar hässliches Ding herum wie der Britzer Bierturm, und wenn Neukölln sich brüstet, zur „Britzer Baumblüte“ Europas größten Osterhasen zu präsentieren – was erwartet uns dann erst in Lagos, dem Neukölln Afrikas? Aber lesen wir weiter: „In dieser Welt, mitten und vielerorts in Deutschland, geht es nur noch um einen Wert“ ... au weh, was mag das bloß sein? „Respekt.“ Hmmm... Moment, kurz zurückblättern, noch einmal: „In dieser Welt, mitten und vielerorts in Deutschland, geht es nur noch um einen Wert: Respekt.“ Das ist ja furchtbar. So geht es also zu in Neukölln. Mitten in Deutschland. Es geht nur noch um Respekt! Ein Grauen! Und wer bekommt diesen Respekt? „Respekt bekommt, wer cool und wer stark ist, wer die richtige Kleidung trägt, die richtige Sprache spricht, die richtige Musik hört, wer die richtigen Freunde und die richtige Bande hat.“ Das ist ja ungeheuerlich. So etwas hätte es früher nicht gegeben. Früher, im alten, schönen Deutschland. Unserem Deutschland. Als wir Jugendliche waren, fanden wir vor allem sprachgestörte Schwächlinge super, die Scheißmusik hörten, uncoole Freunde hatten und schlecht gekleidet waren. Das waren noch Zeiten. „Respekt bekommt, wer die eigene, also die türkische oder libanesische Schwester vor Sex und Liebe schützt.“ Schlimm. Allerdings – verändern wir den Satz doch nur in einem winzigen Detail und lassen das „türkische oder libanesische“ weg: „Respekt bekommt, wer die eigene Schwester vor Sex und Liebe schützt.“ Würde irgendwie auch nach Bayern passen, denke ich so, und auch im Nachsatz wäre da kaum ein Widerspruch zu erkennen, abgesehen von der anderen Mundart: „Respekt bekommt, wer die eigene, also die türkische oder libanesische Schwester vor Sex und Liebe schützt und selbst deutsche Schlampe fickt. Ohne Artikel. Wie sie eben reden.“ Wie sie eben so sind. Die Kinder von Neukölln. Nämlich: „Kinder, immer noch Kinder, mit Basecaps, mit Bomberjacken, mit Turnschuhen und Jeans, die zu tief sitzen, zu weit sind und sowieso zu lang. Gebeugt schleichen sie durch ihr Gehege, denn wer die Füße hebt, ist nicht cool. Kriegt keinen Respekt mehr.“ Ohne Subjekt. Wie sie eben schreiben, die SPIEGEL-Redakteure. Irgendetwas stört mich in meiner Lektüre. Ich schaue auf und durchs Fenster. Im Hinterhof gegenüber spielen drei migrationshintergründische Jugendliche seit drei Stunden ununterbrochen Fußball. Dieses ständige Aufschlagen des Balls! Ich reiße das Fenster auf und brülle zu ihnen zu: „Könnt ihr nicht nach draußen auf die Straße gehen und randalieren, wie all die anderen Kinder auch?“ Sie schauen mich verblüfft an. „Verdammt, habt ihr denn gar keinen Respekt?“ Sie blicken mich unverständig an, halten aber immerhin still. In Ruhe kann ich also weiter lesen. In Neukölln, erfahre ich nun alarmiert, herrscht „ein Klima, in dem der Satz „Verpiss dich, du Missgeburt!“ als ganz normale Begrüßungsformel gilt.“ Das stelle ich mir in der Tat anstrengend vor, wenn man schon morgens beim Bäcker ein höfliches „Drei Schrippen bitte, du Missgeburt!“ rufen muss. Meine Güte, resümiere ich meine neuen Erkenntnisse und möchte das Blatt vor Grusel am liebsten aus der Hand legen, was ist da bloß geschehen? Und lese weiter: „Was also ist geschehen?“ Na, da bin ich ja mal gespannt. „Was also ist geschehen? Vor langer Zeit war das Viertel eine ziemlich sumpfige Wiesen- und Buschfläche.“ Oha. Der SPIEGEL. Das ist aber eine wirklich weit ausrecherchierte Geschichte. Gaaanz weit ausrecherchiert. Aber es ist ja auch schließlich immer dieselbe quasi unaufhaltsame Entwicklung. Erst sumpfige Wiesen- und Buschfläche, dann: „Im 19. Jahrhundert siedelten sich erste Betreibe an“, das Unheil nimmt seinen Lauf, „die Bevölkerungszahl wuchs“, man ahnt die Katastrophe, „und aus der Gründerzeit um die Jahrhundertwende stammten die meisten der Bauten.“ Alles ist verloren. „Inzwischen sind mehr als 30 % der Bewohner Ausländer, die Arbeitslosenquote liegt bei 35 %.“ War ja klar. Den SPIEGEL-Reporter dürfte es kaum überrascht haben. „Endstation Neukölln“ eben. Kein Wunder also angesichts dieses Infernos, dass einer der Rütli-Lehrer wie folgt geschildert wird: „Karl-Heinz Fischer stellt sich vor, dass er nie mehr zurückkommen müsste an diesen Ort, der seinem Gesicht die Farbe genommen hat und seinen Augen die Lebendigkeit. Er sitzt da, ein grauer Mann an einem grauen Tag, und spreizt Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, er spreizt sie so weit er kann, um die Stärke dieser „Lederhaut“ zu beschreiben, die er sich zugelegt hat, zulegen musste, damit er nicht durchdreht in diesem Job.“ Offenbar haben die SPIEGEL-Autoren es leider versäumt, sich eine solche Lederhaut zuzulegen – und sind schon komplett durchgedreht. Jetzt reicht es mir doch allmählich. Ehe ich das Heft aus der Hand lege, bleiben meine Augen noch an der Passage hängen, in der der Reporter von seinem Ortstermin an der Rütli-Schule und dem Kontakt mit den ... diesen ... na ja, sagen wir: Kindern, berichtet: „„Wir sind Außenseiter!“, brüllt ein Siebtklässler in Richtung Presse. Dann fliegen Steine. Erst einer, dann viele, es ist eine ganze Kanonade, begleitet von aufgebrachten Schreien.“ Und dann bin ich ja doch noch einigermaßen beruhigt. Wenn die Neuköllner Hauptschüler dergestalt auf journalistische Schmeißfliegen à la SPIEGEL reagieren, dann ist da noch längst nicht alles verloren. Und ich kaufe mir demnächst am Kiosk lieber gleich das neue John-Sinclair-Heft. |