Pudertoastmann
+ Duldungsstarre
+ Antipotenzpille
+ no-slip-condition
+ Silberfischangriff=
Silberfischangriff von Volker Surmann
 

Wichtigtuerei, Gerüchte, Halbwahrheiten:
Den Brauseboys
ihr sein Blog

Gäste
Links
Archiv
Intimitäten
Boys auf Tour

Das Laine-Art
FrafaFose
Gästebuch
Pressestorys
Hausaufgabe
Newsletterbestellung
Belehrung, Erbauung, Alles:

www.salbader.com

 


Ein Hinweis für alle, die bei Google nach Silberfischen gegoogelt haben:
Sie befinden sich jetzt auf der Homepage der Berliner Lese-Show Brauseboys, und vor ihren Augen steht eine Geschichte über Silberfische, die nach obigen, vorgegebenen Begriffen geschrieben wurde..

Gute 14 Monate lang hatten wir in friedlicher Koexistenz gelebt. Wir teilten uns ein Bad. Ich war allein, sie zu zweit. Ich lebte vorwiegend am Tage, Kurt und Richard, die beiden Silberfische in meinem Badezimmer, waren mehr so Nachteulen. Kein Problem also. Neulich saß ich nachts und leicht angetrunkenen Kopfes auf meiner Toilette und dachte den existenziellen Fragen des Daseins nach: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was soll ich tun? "Aus dem Schwuz", "ins Bett" und "abputzen" lallte ich in Richtung Tinky Winky, der mich von meiner Badematte her debil anlächelte. - Eine Kinderbadematte mit topaktuellem Teletubbie-Motiv. Naja, topaktuell war es schon nicht mehr, als ich diese Badematte seinerzeit im Bielefelder Teppichrestpostenmarkt erwarb, aber egal. Damals fand ich das irgendwie total cool und abgedreht eben. Manchmal hat man halt so Ideen. Dann fiel mein Blick auf einen der Notizblöcke, die ich systematisch in meiner ganzen Wohnung verteilt hatte. Ideen für neue Texte (letzter Eintrag: "Telefoniere nie mit Katzenbesitzern!"), neuen Pointen und Listen mit komischen Wörtern fanden sich darin; seit kurzem gab es auch eine Liste mit Neologismen, über die ich nie eine Geschichte schreiben wolllte: "Quastenflosserpopulationsreduktion" stand da, direkt darüber "Alkoholvernichtungsmaschinerie", die neusten Einträge waren "Pudertoastmann", "Duldungsstarre" und "Antipotenzpille"... - Doch irgendwer hatte die Begriffe durchgestrichen und darunter gekrakelt: "Das gildet nich." - Die Schrift kaum leserlich und glänzte leicht silbrig... Ich guckte zurück auf den Boden, wo Kurt und Richard unschuldig schlingernd unter Tinky Winky verschwanden. Plötzlich zündete ein Gedanke die Nebelscheinwerfer in meinen benebelten Gehirn und mir fiel auf, dass ich Tinky Winky - die Spaßbremse unter den Badematten - da auch nur noch auf dem Boden liegen hatte, damit ich morgens beim Zähneputzen keine kalten Füße bekam. Ansonsten waren Badematten ja eigentlich eher hinderlich. Vor allem, wenn man es extrem eilig hatte, ins Bad stürmte, vor die Kloschüssel sprang und lospisste, während Badematte, man selbst und Urinstrahl zwei Meter durch den Raum schlitterten... Vielleicht hätte ich doch eine ultrahochdämmende High-Tech-Badematte mit Materialien aus der NASA-Weltraumforschung nehmen sollen, mit 30-Meter-anti-shock-Einstellung, erdbebensicherer no-slip-condition, höhenloser Stufeneinstellung und optionaler Aufknuspertaste, doch irgendwie fand ich Tinky Winky damals witziger. Doch zurück zu Kurt und Richard, meinen beiden Silberfischen. Wie gesagt, wir lebten in friedlicher Koexistenz, und selbst als Joachim, Alexander und Klaus noch dazustießen, dachte ich mir nichts Böses. Fünf Silberfische in einem Badezimmer - das ließ sich noch dulden... Ich weiß nicht, ob es an einer außergewöhnlichen Aktivität der Sonnenflecken, bisher geheimgehaltenen biotechnologischen Experimenten der Humbold-Universität oder natürlicher-genetischer Mutation lag: Doch vor einigen Tagen betrat ich mein Bad und Tinky Winky war weg. Nur ein paar lilane Flauschfetzen lagen traurig auf dem Boden, ich setzte sie zusammen und erschrak: Quer über die lustig-schaukelnde Antenne Tinky Winkys stand in zittrig silberner Kinderschrift geschrieben: "Mensch, verpiss dich!". Mir wurde schlagartig klar: Nach diesem hinterhältigen Silberfischangriff auf Tinky Winky musste etwas geschehen. Die Zeit der friedlichen Koexistenz war vorbei. Wenn Joachim, Alexander, Kurt, Richard und Klaus Krieg wollten, sollten sie Krieg bekommen. Ich würde mich aus meiner selbstgewählten Lethargie befreien, meine Duldungsstarre überwinden und aktiv werden! Ich würde Tinky Winky rächen! - ...aber wie? Im Schlecker an der Ecker erwarb ich die aggressivsten Badreiniger, die mir aufgrund Farb- und Namensgebung in die Augen sprangen: ATTA, das klang, als könnte man damit ganze Hochhäuser wegwischen. Ich streute das ganze Bad damit aus und ließ Wasser drüber träufeln: Mein Bad schäumte sieben Stunden vor sich hin. Dann saugte ich mit meinem Staubsauger, einer Nachbildung des blauen Allessaugetiers Noo Noo aus dem Teletubbieland, alles weg. Noo Noo machte daraufhin Geräusche, als litte er an einem gefährlichen Staubbeutelkrebs, mein Badezimmerfußboden war schneeweißgeätzt, und ich war mir sicher: Ich hatte gesiegt. Verpisst Euch, Silberfische! In der folgenden Nacht schlichen sich grauenhafte Geräusche in meinen Schlaf, doch ich wähnte mich träumend oder machte gewohnheitsmäßig den kleinen Punk aus dem Hinterhaus für den Lärm verantwortlich. Doch am nächsten Morgen war mir klar: Etwas hatte überlebt. Die Silberfische hatten meinem Quietschentchen die Gummihaut abgezogen, die rote Zunge abgeschnitten, wahrscheinlich verspeist und den nackten Kadaver am Heizkörper aufgeknüpft. Ich traute mich nicht, länger im Bad zu verweilen, konnte eh nicht pinkeln, da meine Kloschüssel auf rätselhafte Weise abhanden gekommen war... Ich pinkelte in das Spülbecken in der Küche und ging noch vor dem Frühstück ins Internet. Gerade hatte ich bei Google "Silberfischangriff" eingegeben, klingelte es bei mir an der Tür. Zwei Polizisten wollten von mir wissen, ob ich Herrn Goldenstein, den kleinen Punk aus dem Hinterhaus in den letzten Tagen gesehen hätte. "Nein, "sagte ich, "aber der ist öfters mal weg." - "Ja", sagte einer der Beiden, das wüssten sie. Meistens würde der Herr Goldenstein seine Abwesenheitstage ja bei ihnen vorbringen. Nur sei seine Tür aufgebrochen, und diese seltsame Botschaft auf dem Fußboden sei ihnen doch seltsam vorgekommen. Mit silbriger Kritzelschrift stehe dort geschrieben: "We will overcome!" Ich wurde blass, sagte, ich wüsste nichts, und mir wurde bewusst, dass ich in der nächsten Zeit nicht mehr damit rechnen müsste, mit Punkmusik aus dem Hinterhaus beschallt zu werden. Mein Gott... ich musste etwas tun! Google lenkte mich schnell auf die Seite "Kammerjäger.de", die einem verhieß: "Silberfische sind relativ harmlos. Im Handel gibt es Silberfischchenköder." Haha, dachte ich, das wär doch etwa so, als würde man mit Mottenkugeln Motten loswerden! Albern! Dann sah ich, dass die Kammerjägersite auch einen gut frequentierten Chatraum hatte. HanneloreGrutzbach jammerte darin gerade, dass die Silberfische ihr Löcher in die Frotteehandtüscher fressen könnten. "Pass man up, dass se dich nich gleich mitfressen", postete ich, "bei mir haben die Silberfische schon eine Badematte, Tinky Winky, mein Qietscheentchen, eine Kloschüssel sowie einen halbgaren Nachwuchspunk gefressen." Stille im Chat. Dann schrieb ein Mann namens Toni: "Hallo. Ich bin Toni. Ich hoffe ech chtört dich nicht, dass ich lisple..." - Nein, es störte mich nicht... "Ich empfehle dir Chädlingsbekämpfungsmittel, die auf Chuckerbasis sind. Das cheinen sie chu mögen.. Einfach ein Toastbrot mit Puderzucker auslegen, wenn du willcht, kanncht du noch chädlingsbekämpfungzeuch drunter michen. Das ist tödlich für Silberfiche." "Und das funktioniert?" "Klar," schrieb der Pudertoastmann, und ich hetzte los, kaufte Alles, mischte ordentlich Zucker unter das Gift und schritt zur Tat. Am nächsten Morgen blickte schlafestrunken in die toten Augen eines Meerscheinchens mit Koksnase und Schaum vorm Mund. Ohje, das war "Maxi" vom Jungen aus dem 2. OG. Sorgsam drapiert lag es auf einem angeknabberten fetten Brot mit Puderzucker. Mein Gott! Die Silberfische waren in meinem Bett! Mir wird schlecht, ich glaub schlimmere Dinge waren noch nie in meinem Bett gewesen (außer vielleicht... - aber wir wollen keine Namen nennen). Ich stürmte wieder ins Internet, zur letzten Adresse, von der ich mir immer dann Hilfe versprach, wenn ich sonst nicht mehr weiter wusste. Doch im Chatraum der Nihilisten war wie so oft nichts los. Ich tippte mein Gesuch ein: "Was tun gegen aggressive Silberfische, die Badematten und Punks verspeisen?" Lange Zeit tat sich nichts, dann postete jemand anonym, ob ich denn noch nichts von der Silberfischverschwörung gehört hätte. Schließlich seien die Silberfischchen als Urinsekten schon ganz früh auf die Erde gelangt, und - im Vertrauen - sicherlich stammten sie nicht hier. Er ginge davon aus, das es sich um eine biotaktische Invasionswaffe extraterristischen Ursprungs handele, deren Bedrohungspotenzial selbst die Nazis schon erkannt hätten, die unter dem Tarnnamen Stöhr I und Silberfisch I 1944 in Wiehengebirge und Teutoburger Wald - wie jeder weiß - geheime Rüstungsprojekte geplant hätten, um Silberfischchen in die industriell reproduzierbare Massenvernichtungswaffen zu verwandeln. Um nichts anderes sei es doch auch im Irak und Afghanistan gegangen. Auch die Zerstörung des World-Trade-Center sei in Wahrheit durch eine konzertierte Aktion von Silberfischmutationen in den Nasszellen ausgegangen, erklärte mir der anonyme Nihilist. Ob mir denn nicht aufgefallen sei, dass die Hochhäuser in sich zusammen gesackt seien. Wenn Flugzeuge gegen Gebäude flögen, müssten die natürlich umkippen, seien sie aber im Falle des 11. September nicht. Die Zerstörung sei nämlich von Innen gekommen. Ob mir nicht auch zu denken gebe, wie sich in diesem Sommer flächendeckende Stromausfälle häuften, schließlich hätten die Silberfische... Jemand anders fragte mich, wie sich denn die Silberfischchenpopulation entwickelt hätte. "Erst waren es Kurt und Richard," schrieb ich, "bald darauf fünf, inzwischen wohl mehr!" "Silberfischchen vermehren sich exponentiell, erhielt ich als Antwort. Zwei oder fünf davon sind kein Problem, aber wenn sie sich vermehren, können sie ganze Hochhäuser... "Jaja, ich weiß," schrieb ich, und fragte, was ich denn gegen diese Silberfischpotenzierung unternehmen könnte. "Am besten wäre eine Antipotenzpille," bekam ich als Antwort. "Und wo kriege ich die?" "Mein Gesprächspartner zögerte: "Könnte schwierig werden, die gibt's nämlich noch nicht." Der Fehlschlag aus dem Internet schlug mir auf die Blase, ich betrat vorsichtig das Badezimmer: Jemand oder etwas hatte die Fenster verhängt, wie von Geisterhand bewegte sich die Waschmaschine mit wütend klappendem Deckel auf mich zu. Schnell schloss ich die Tür und pinkelte lieber in einen Balkonkasten. Als ich mich wieder an den PC setzte, hatte eine Frau auf den USA gepostet: "Silverfishes need smooth surfaces for slipping around. Change the slip-condition in your bathroom! No-slip - no silverfish!" Ich fragte zurück: "That works? Even when the silverfishes can carry whole washing machines and kill punks?" "Evan than! Create a no-slip-condition, and your problem will be solved!" Ich war glücklich, schnell überlegten wir, wie wir die Badezimmer-slip-condition ändern könnten und sahen einen compressed-air-hammer als beste Möglichkeit an. Ihn an einer der zahlreichen, herrenlos herummarodierenden Baustellen des Bezirkes Friedrichshain auszuleihen, fiel mir nicht schwer... Irgendwie musste ich beim Aufstemmen des Badezimmerfußbodens eine Gasleitung getroffen haben. Vielleicht war es aber auch nur eine chemische Reaktion mit der mysteriösen Substanz der extraterristischen Silberfischchen. - Ich weiß es nicht, aber ich habe auch nicht mehr genügen Kopf um mir darüber einen machen zu können. Jedenfalls stürzte mein Haus mit einem gewaltigen Krachen in sich zusammen. Die Feuerwehr erklärte das Unglück schnell zu einer Gasexplosion. Lediglich im Chatraum der Nihilisten wurde noch einige Zeit diskutiert, ob nicht die Silberfischchen schuld waren, schließlich sei das Gebäude von innen in sich zusammengesackt...
Copyright: Volker Surmann