Fledermausohren
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Bisweilen passiert es, daß der ruhige, beinahe stoische Alltag von etwas neuem, von einem einschneidenden Erlebnis oder einer unerwarteten Begegnung durchbrochen wird. Mir geschah es gestern so. Ich saß am Computer, wo ich gerade in meiner "Wo habe ich was gelesen" Datenbank versuchte, einen bestimmten Datensatz zu aktualisieren. Für meinen Kenntnisstand an sich kein Problem und ich ging diese Aufgabe sogar mit einem Hauch von Freude an. Zuvor nämlich hatte ich den ersten positiven Gedanken dieses Sommers gehabt. Sonst war mein Kopf eine Wolke aus Existenzängsten und beruflicher Orientierungslosigkeit, gepaart mit der Frage, wann mal wieder ein Mensch in mein Leben tritt, der alles durcheinander bringt und dem Gedanken, warum man eigentlich so wenig von der polnischen Besatzungszone im Irak hört. Eben aber hatte ich mir gedacht, daß das doch alles nicht so wichtig ist und überhaupt, was interessiert mich die polnische Besatzungszone im Irak? Jetzt aber ging durch meinen Kopf ein neuer, ein gewichtig schlechter Gedanke, der mich so gewaltig in Angriff nahm, daß nicht nur mein Kopf, sondern gar mein ganzer Körper durchdrungen und ich mit dem Oberkörper nach vorne geworfen wurde. Der Zeigefinger der rechten Hand landete auf der RETURN-Taste und instinktiv drückte ich sie nieder. Das war dumm von mir, denn ich hatte den Befehl noch nicht vollendet und statt den Text mit der Identifikationsnummer 256 dahingehend zu ändern, daß ich ihn das letzte Mal am 21. August 2003 im Laine-Art gelesen hatte, wurden alle Datensätze mit dieser Information aktualisiert. Daraufhin bekam ich sofort schlechte Laune, denn nun hatte meine "Wo habe ich was gelesen" Datenbank einen Informationsgehalt, der dem einer Ausgabe der BILD-Zeitung gleichkam. Verdammt, dachte ich, da erlaube ich mir mal am Ende des Sommers einen positiven Gedanken und prompt überfällt mich so ein präherbstlicher Depressionsschub. Im nächsten Moment klingelte es an der Tür. Normalerweise öffnete ich nie, außer ich war verabredet, weil so aus dem Nichts heraus konnte es sich nur um einen Zeugen Jehovas handeln oder um ein Kind, das seine Mutter suchte. Unter anderen widrigen Umständen stand draußen der Nachbar, der um eine Tasse Zucker bitten wollte, was ich verwehren mußte, denn ich hatte keinen Zucker im Haus. Trotzdem öffnete ich die Tür. Draußen standen drei buntbekleidete Typen, einer davon sah aus wie der Sarotti-Mohr und die anderen wie irgendwie halt. Ich mußte annehmen, daß vor meiner Tür die drei Weisen aus dem Morgenland standen, also Kaspar, Melchior und Balthasar. "Tach", sagte der eine. "Wir sind Kaspar, Melchior und das ist Gunnar, der Sarotti-Mohr. Wir wollen zum Heiland, um ihn zu beschenken. Ist er da?" "Nee", antwortete ich gleich. "Da seid ihr auf dem falschen Dampfer, um nicht zu sagen, am falschen Platz. Hier gibt es keinen Heiland." "Schade", sagte Gunnar, der Sarotti-Mohr. "Unsere letzte Vision hat uns hierher geführt. Diesmal waren wir ganz sicher, aber offensichtlich nicht sicher genug. Dann warten wir bis zur nächsten Einbildung und laufen dann dahin." "Wir sind schon fast zweitausend Jahre überfällig", sagte Kaspar. "Allmählich glaubt uns das keiner mehr, daß wir uns ständig verlaufen, weil wir nach der Wasserpfeife immer Orte sehen, wo alles sein mag, aber kein Heiland." "Das ist euer Problem", kommentierte ich und schmiß die Tür zu. Etwa zehn Minuten später schlich ich zur Wohnungstür, weil ich von draußen weiterhin Geräusche hörte. In der Tat standen die drei Typen immer noch vor meiner Tür und debattierten. Ich riß die Tür auf. "Sagt mal, war ich vorhin nicht deutlich genug?" Ich war erbost. Heutzutage, wenn man mal ohne Verabredung die Tür öffnete, standen entweder die Zeugen Jehovas, das Kind, das seine Mutter suchte, der Nachbar oder aber drei Verrückte vor der Tür, die sich für die Heiligen Drei Könige hielten. "Tach", sagte der eine. "Ist der Heiland denn jetzt da?" "Nein", rief ich aus und knallte die Tür zu. Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch und überlegte, was als nächstes auf mich zukam. Während ich also darüber nachdachte, was als nächstes auf mich zukam, war es schon da. Eine Stimme in meinem Kopf fragte: "Macht das eigentlich alles überhaupt Sinn, was du tust? Macht es zum Beispiel Sinn, eine Sammlung abgeschnittener Fledermausohren zu haben?" "Ich habe so eine Sammlung nicht", rief ich in den Raum. "Das war nur ein Beispiel", entgegnete die Stimme. "Wie wäre es mit Pizzaschachteln aller Marken aus allen Märkten?" "Habe ich auch nicht", lautete meine Antwort. "Dann weiß ich nicht weiter", meinte die Stimme. "Hättest du Lust, aus dem Fenster zu springen, um deiner sinnlosen Existenz letztlich einen Sinn zu geben?" "Ich wohne im ersten Stock", hielt ich dagegen. "Da kann nicht soviel passieren. Außerdem leide ich unter Höhenangst." "Dann weiß ich nicht weiter", meinte die Stimme in meinem Kopf und verstummte. In Gedanken sagte ich mir, nicht mehr daran zu denken, was auf mich zukommen könnte, damit so etwas nicht noch mal passierte. Ich griff in die Schublade und holte das Formular zur Beantragung von Frührente hervor. Vor einigen Tagen hatte ich mich dazu entschlossen, weil es ohnehin kaum Arbeit gab und wenn ich mit Mitte dreißig schon in Rente ging, dann konnte ich meinen Lebensabend länger genießen. Zugegeben, das war eine etwas krude Behauptung, zumal ich ja nicht wissen konnte, was noch auf mich zukam. Ich studierte das Formular und stieß auf die Frage: "Sind Sie Onkel?" Wenn der Erhalt von Rente, so dachte ich mir, in Verbindung steht mit einer bejahenden Antwort auf diese Frage, dann war mir die Rente sicher. Ich bin nämlich Onkel und das schon seit 14 Jahren. Onkel zu werden geht manchmal ganz leicht, soll heißen, man wird es früh im Leben, vor allem, wenn man ältere Geschwister hat. Unverhofft klingelt dann eines Tages das Telefon. "Robert, ich wollte dir miteilen, daß du jetzt Patenonkel bist." "Heißt das, ich muß für den Balg ein Sparbuch anlegen, am besten mit einer hohen Summe?" "Genau." "Und ich muß mich mindestens einmal im Jahr erkundigen, ob es dem Balg gut geht und es Fortschritte in der Schule macht?" "Genau." Damals habe ich nicht aufgelegt, weil mich so ein Glücksgefühl durchströmte. Endlich war ich alt! Endlich hatte ich eine Aufgabe fürs Leben gefunden! Ich habe dann auch gleich ein Sparbuch angelegt und mich schon zu dem Zeitpunkt darüber gefreut, was sich in 18 Jahren für ein Vermögen ansammeln und wie sehr es dem Kind für den Start ins Erwachsensein hilfreich sein wird. Ich fühlte mich richtig onkelig. Heute, daß sage ich jetzt mal so, wäre ich glücklich darüber, wenn ich an das Geld herankäme, aber mein Bruder war damals so vorausschauend gewesen, daß er mich nach ein paar Jahren gebeten hatte, daß Sparbuch in Verwahrung nehmen zu dürfen. Genug davon. Ich füllte das Formular aus, packte es in den Umschlag, klebte eine Briefmarke drauf, ging dann in die Küche und steckte dort den Umschlag in meine Tüte für Altpapier. Diesem neuen Service der Post stand ich noch skeptisch gegenüber. Angeblich würden dadurch eine Menge Jobs entstehen, wenn Postbedienstete die Papiermüllberge nach Briefen und Päckchen durchwühlten, um sie dann zuzustellen. Das mit den Briefkästen oder der Abgabe am Schalter fand ich eigentlich besser, auch wenn man dafür immer extra das Haus verlassen mußte. Auf dem Weg zurück in mein Zimmer blieb ich im Flur stehen und blickte durch den Türspion nach draußen. Die drei Heiligen Könige, visionäre Adlige oder was auch immer sie waren, standen weiterhin im Flur, rauchten eine Wasserpfeife und debattierten, wohin sie sich nun wenden sollten.
Copyright: Robert Rescue