Kommunikationsstau
+Schlüpfermodell
+Fleischfresserbrause
+Regentrude
+Hausverständnis=

Neues aus der temporären Kneipe von Robert Rescue

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Den Standort der temporären Kneipe zu bestimmen ist unmöglich. Sie befindet sich überall und nirgends, ist mal hier und mal dort. Wer sie betritt, hat einen triftigen Grund dafür, auch wenn die Person sich dessen vielleicht nicht bewußt ist. Ein Aufenthalt in der temporären Kneipe kann der Sättigung eines gesellschaftlichen Bedürfnisses dienen, mitunter auch der Sinnfindung, in jedem Fall aber dazu, mal ein seltsames Erlebnis zu haben. Dies geschah Walter, als er an einem regnerischen Abend seine Stammkneipe "Zur Ecke" aufsuchen wollte. Die Kneipe befand sich, wie der Name schon deutlich macht, an einer Ecke die durch zwei Straßen gebildet wird. Walter war es seit Jahren gewohnt, von der einen Straße kommend die Kneipe zu betreten. An diesem Abend jedoch kam er aus der Richtung der anderen Straße und er war schon ziemlich betrunken. Die Tür, die er an der Ecke öffnete, gehörte normalerweise zu einem Ladengeschäft, das seit geraumer Zeit leer stand und sich links von der eigentlichen Kneipe befand. An diesem Abend dagegen öffnete sich die Tür zur temporären Kneipe und damit zu Chat, dem Barkeeper und irgendwie auch Eigentümer des Ladens. Walter bemerkte den Unterschied beim Eintritt. Er sah vor sich nicht das gewohnte Mobiliar und nicht die gewohnten Gäste. Er ging zur Theke, um den Barkeeper danach zu fragen. "Ich…" "Sie glauben", unterbrach ihn Chat, "daß sie sich nicht in ihrem gewohnten Umfeld aufhalten, oder um es genau zu sagen, sie glauben, daß dies nicht die Kneipe ist, in der sie sonst sitzen, Karten spielen, oft verlieren, täglich um 21:12 Uhr ihren gewohnten Jägermeister trinken, ihrer verflossenen Liebe, die sie vor fünf Jahren verlassen hat, nachtrauern und sinnlose Gespräche mit Bernd, Paul und Gerlinde führen. Gerlinde. Sie lieben sie, trauen sich aber nicht, ihr das zu gestehen. Was für eine traurige Existenz sie doch sind, Walter." "Woher wissen sie das alles?", begehrte der Angesprochene auf. "Weil Sie "Ich" gesagt haben", antwortete Chat. "Aus jedem Buchstaben, aus jedem Wort, daß sie sagen, lese ich ihre Lebensgeschichte. Stück für Stück. "Woher wissen sie das alles?" hat mir ihre ganze, zugegebenermaßen schwere Kindheit offenbart. Wollen Sie was trinken oder eine Antwort oder beides?" "Ich…" "Nein, Walter, nicht so. "Ich…" hatten wir schon. Fangen Sie den Satz anders an, sonst langweilen Sie mich." "Ein Berliner und…wo bin ich?" "Ein Berliner ist einfach. Die Frage dagegen hat einen gewissen philosophischen "Bodensatz", wie ich das gerne nenne. Sie zu beantworten kann Ihre ganze Weltanschauung zerstören. Ich frage Sie jetzt was und Sie geben mir eine Antwort. Wie kommen Sie gewöhnlich in die Eckkneipe?" "Nun, ich biege um die Ecke, steige drei Stufen, drücke die Klinke und bin dann da." "Und was war an diesem Ablauf heute anders?", fragte Chat und beugte sich vor. "Nichts", antwortete Walter. "Sehen Sie, Walter. Alles wie immer. Nichts hat sich verändert. Hier, ihr Berliner." "Das ist kein Berliner." "Nein? Was ist es dann?" "Es ist ein Glas und keine Flasche. Es ist kein Bier in dem Glas, sondern eine rötliche Flüssigkeit, die blubbert. Die Flüssigkeit sieht wie Blut aus." "Gut beobachtet, Walter. Offensichtlich habe ich mich vergriffen. Das ist eine Fleischfresserbrause. Die kredenze ich den Gästen, die sich am Ende ihres Lebens sehen. Man führt das Glas zum Mund, die Lebensform in dem Glas wird wach und hungrig und dann zieht die Lebensform einen in das Glas hinein, wo man dann verdaut wird. Das gibt übrigens ein ziemlich häßliches Geräusch, also, ich meine, wenn man in das Glas hineingezogen wird. Ich muß zugeben, es sieht auch witzig aus, aber das Geräusch ist nicht schön. Hier jetzt ein anderes Getränk, danach gibt es das Bier. Das ist Säurepunsch. Das ist für die Leute, die keine Lust mehr haben, zu kommunizieren. Ein Schluck genügt und alles, was man verbal noch äußern könnte, wenn man denn noch will, findet niemals mehr den Weg über die Lippen. Verstehen sie mich nicht falsch, Walter. Das ist nicht so etwas wie ein Kommunikationsstau, den man erreicht, wenn man sich zum Beispiel einen großen Ball in den Mund schiebt oder sich Sekundenkleber auf die Lippen reibt und dann einen Moment wartet. Beim ersteren kann ein Chirurg den Ball heraus operieren, beim letzteren wird ihr Finger an einer der Lippen festkleben, was bei künftigen kommunikativen Gelegenheiten für Erheiterung sorgen wird. Kurz gesagt, der Säurepunsch ist anders und irgendwie endgültig." "Sie sind ein merkwürdiger Mensch", entfuhr es Walter. Er begann sich zu fürchten. "Ich bin ein Mensch voller Phantasie", antwortete der Barkeeper. "Ich bemühe mich, jeden Satz, den ich von mir gebe, in irgendeiner Form ungewöhnlich und gleichzeitig einzigartig zu machen. Ich hasse Phrasen und Phrasen sind für mich inzwischen so gut wie alle Äußerungen, die man, in welcher Kombination auch immer, von sich geben kann. Aber ich muß zugeben, daß ich mich manches Mal ärgerlicherweise in die Niederungen einer verbrauchten Sprache begebe. Manchmal sage ich zu meinen Gästen: "Ich kann euch jetzt nicht bedienen, ich muß mal aufs Klo." Ich könnte mich dafür ohrfeigen, daß ich gerade dieses Beispiel gebracht habe. Das ist so eine typische Äußerung, die Abertausende von Barkeepern überall auf der Welt von sich geben und ich will das nicht sagen. Es ärgert mich maßlos. So, Walter, jetzt gibt es das Bier und ich tue ihnen noch was Gutes." Walter konnte beobachten, wie sich der Barkeeper die Hose auszog, dann den Schlüpfer abstreifte und diesen vor Walter auf den Tresen legte. "In einer gewissen Weise, doch auch weit daneben, stehe ich mit heruntergelassenen Hosen vor ihnen, Walter. Dies ist mein Schlüpfermodell für ihre Sammlung. Ja, Walter, ich weiß davon. Eine riesige Sammlung von Slips und Schlüpfern, fein säuberlich geordnet nach Geschlecht und Größen. Wenn Sie die wenigstens gelegentlich tragen würden, dann könnte jeder sagen, der hat aber viel Unterwäsche. Das kann man auch so sagen, nur mit dem Unterschied, daß sie die nicht tragen, sondern sammeln und nicht nur das, sie riechen an ihnen und stülpen sich die Unterwäsche über den Kopf. Walter, Sie sollten sich was schämen." "Woher, zum Teufel, wissen sie davon?" "Das weiß ich seit Ihrer Äußerung "Sie sind ein merkwürdiger Mensch." Das haben sie so deutlich zwischen den Worten gesagt, daß ich annehmen muß, Sie wollten, daß ich davon erfahre. Aber lassen Sie uns das Thema wechseln, sonst sage ich noch was, was Ihnen peinlich ist. Sie haben sich bestimmt schon länger gefragt, was es mit dieser alten Frau auf sich hat, die dort am Tisch sitzt und einen Wasser- oder auch Regentropfen auf ihrem Mittelfinger balanciert? Das ist eine alte Vettel, die sich wichtig machen will, das ist sie. Ich nenne Sie Regentrude. Sie behauptet, sie wäre die Schutzheilige des Regens. Hat man je so einen Quatsch gehört? Der Regen braucht weder in Schutz genommen, noch in irgendeiner Weise geheiligt zu werden. Ich denke, der Regen ist autonom, erwachsen, steht gewissermaßen auf eigenen Füßen, wenn man das in Bezug auf den Regen so sagen kann. Egal, was Regentrude an Getränken so bestellt, ich bringe ihr stets ein Glas Wasser. Dann ist sie gewissermaßen in ihrem Element. So, und jetzt ist die Geschichte zu Ende. Sie können ihr Bier austrinken und gehen, Walter. Sie gehen einfach um die Ecke und sind dann in der Ecke, haha." "Das will ich gerne tun, aber zunächst möchte ich noch wissen, was es mit dieser Statue auf sich hat, die links neben mir am Tresen sitzt?" "Das ist Helga. Ich weiß nicht, ob sie wirklich Helga heißt, ich habe sie einfach so genannt. Helga ist wie viele Frauen. Sie hat Geheimnisse und es ist schwer, sie zu lüften." "Welche Geheimnisse denn?" Walter war hin - und hergerissen. Einerseits wollte er diesen Ort schnellstmöglich verlassen, andererseits war er von dem Wesen des Barkeepers doch irgendwie hingerissen. "Also, Walter, Ihnen werde ich es erzählen: Helga kam vor etwa sieben Jahren hier herein und setzte sich an den Tresen…" "…aber das ist doch eine Marmorstatue. Wie kann die gehen und sich an einen Tresen setzen?" "…und Helga setzte sich also an den Tresen und ich sah an ihrer Gestik und an der Weise, wie sich ihre vollen, glutroten Lippen öffneten, daß sie eine Bestellung aufgeben wollte. Sie merken an der Art, wie ich diesen Vorgang verbalisiere, daß ich einerseits diesen Moment bis heute nicht vergessen habe, andererseits daß ich eine gewisse tiefgehende Sympathie für Helga aufbringe. Bevor sie ihren Getränkewunsch äußern konnte, verwandelte sie sich in diese Statue. Ich war erschüttert, erschüttert darüber, daß es zum ersten Mal einen Gast gab, welcher sich mir nicht in seinem ganzen Wesen offenbarte. Sie müssen wissen, Walter, nach dem Verständnis dieses Hauses, der temporären Kneipe also, muß der Barkeeper über seine Gäste alles in Erfahrung bringen. Dies ist notwendig, damit ich, falls ein Gast Gin-Tonic bestellt, obwohl er eigentlich einen Cuba Libre haben will, ihm diesen auch kredenzen kann. Aber zurück zu Helga. Seitdem läßt sie mich nicht los. Ich denke ständig an sie, ich will wissen, was sie fühlt und denkt und vor allem, das ist für mich das wichtigste, möchte ich wissen, was sie damals trinken wollte. Wenn ich Zeit habe, dann stelle ich ihr ein Getränk hin. Ich habe so eine gewisse romantische Vorstellung in mir, daß sie, wenn ich das richtige Getränk endlich erwische, wieder lebendig wird und sich augenblicklich in mich verliebt. Da fällt mir ein, Banane-Kirsch zum Beispiel habe ich noch nicht probiert. Vielleicht ist das die Lösung, vielleicht." Walter erhob sich und legte Geld auf den Tresen. "Ich gehe jetzt und sie können sicher sein, daß ich ihren Laden nie wieder betreten werde." "Ach ja, so sicher ist das? Und ich dachte, es hätte ihnen hier gefallen. Ich gebe ihnen einen kleinen Tip, wenn sie sicher gehen wollen, tatsächlich niemals wieder mein Gast sein zu müssen. Wenn sie zu ihrer Stammkneipe gehen, dann achten sie künftig darauf, die Örtlichkeit stets von der einen Straße aus zu erreichen und nicht von der anderen." "Ich werde ihren Hinweis beherzigen", erklärte Walter, lächelte gequält und verließ dann die temporäre Kneipe. Chat wandte sich Helga zu. Mit einer gespannten Miene bereitete er einen Banane-Kirsch zu, stellte ihn vor die Statue und wartete ab. Nach einer Weile wurde ihm klar, daß es dieses Getränk auch nicht gewesen war.
Copyright: Robert Rescue