Feldrandabstandsbestimmung
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"Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll! Ich weiß nicht ein, und ich weiß auch nicht aus. Gar nichts weiß ich. Nicht mal die Uhrzeit weiß ich. Wie spät isses denn, verdammt??" Marlies W. war in Eile. Gerade hatte sie die kleine Jaqueline im al Hasra-Kinderladen abgegeben und hatte sich dort, man will ja wissen, was die Kleinen so treiben, ein wenig mit den Erzieherinnen verquatscht. Zwei sympathische junge Damen, immer nett, immer höflich. Beide hatten ihr erläutert, mit den Kindern im Kinderladen nicht bloß dumpfen Zeitvertreib durch Malen, Spielen, Spaziergehen zu haben. Nein, sie wollten die Kleinen total ernsthaft und aufgeklärt an den komplizierten globalen Alltag gewöhnen. Mit Rollenspielen etwa namens SEK-Kommando gegen Lybische Disco-Türsteher oder Berliner Busfahrer gegen Fahrgast oder aber, wenn eines der Kinder unartig war, mit dem Spiel: "Wir sind ein Flüchtlingslager und Rebellen haben den Reislaster von Cap Anamur entführt, darum fällt Mittach heute aus!". Jeden Dreikäsehoch aus seiner Traumwelt zerren, mit der Realität schocken und neue, radikale Lösungsansätze aufzeigen, das war das gewiss lobenswerte Erziehungsmodell der beiden jungen Kinderladenfrauen. Marlies W. hatte es im Morgen-Urin, dass ihre Jaqueline W., dieser kleine Sonnenschein, der auch manchmal eine arschlochmäßige, durchtriebene Ausgeburt der Hölle sein konnte, im al Hasra-Kinderladen in guten Händen war. Bei dieser pädagogisch hochwertigen Erziehung würde es nur noch wenige Tage dauern, bis die zweieinhalb-jährige Jaqueline W. ihrer geplagten Mutter endlich mal Arbeit abnahm, zum Beispiel die zeitraubenden Anträge auf Kindergeld selbst stellen konnte, oder am Bankschalter aussichtslose Diskussionen über die fünfte Dispokreditkündigung in Folge führte. Und die Kleine würde Erfolg haben, denn Kinder sind süß, Kindern lässt man alles durchgehen. Also auch den Dispokredit. Ja, im al Hasra-Kinderladen war ihr Kind war in guten Händen. Aber sie selbst? Sie war alles andere als kuschelig und sorgenfrei aufgehoben. Marlies W. war in den Händen der Bundesanstalt für Arbeit, einer organisierten Bande von zynischen Nichtsnutzen mit Vorliebe für Schikane nach Nummern. Das stand ihr auch heute wieder bevor. Irgendwann im Laufe des Tages sollte sie sich bei Ihrem Kundenberater, ja so hieß das jetzt, Herrn Schorlemmer, melden, um seine neuesten Erniedrigungen zu absorbieren. "Jetzt hören sie schon auf zu heulen!", sagte Schorlemmer, während sie ihre Tränen mit der Broschüre "Fit für die Umschulung" im Gesicht verschmierte. "Hör'n sie endlich auf zu flennen! Sie kriegen Geld von uns, gutes Geld, Summen im dreistelligen Bereich! Wir bezahlen sie! Verstehen Sie? Da haben wir doch das Recht, sie zu beschimpfen! Haben sie nicht auch schon mal am Fahrkartenschalter über die Bahn gemeckert?" Marlies W. nickte langsam mit dem Kopf, während sie behutsam die in der Tränenflüssigkeit sehr klebrig gewordene Seite 17 der Umschulungsbroschüre von ihrer linken Wange löste. Auf ihrer Wange blieb das gut sichtbare Logo des Arbeitsamtes zurück. Sie sah jetzt aus wie ein besonders fanatischer Fan des Arbeitsamts. "Sehn se, sie haben auch schon über die Bahn gemeckert, weil sie die Bahn bezahlen und die Bahn trotzdem zu spät kommt! Und wir, liebe Frau W., haben mit ihnen das gleiche Problem. Wir zahlen ihnen Geld, und sie verspäten sich! Wie sehen sie überhaupt aus? Hier, machen sie sich mal sauber!" Schorlemmer reichte ihr die Broschüre "So geht die Ich-AG!" "Na, jetzt geht's mir aber schon wieder besser, Frau W. So ein bisschen Luft ablassen ist ja immer sehr gesund. Früher habe ich Holz gehackt, um mich ab zu reagieren. Das brauche ich heute nicht mehr, denn ich arbeite ja mit Arbeitslosen! Hahahahah!!!" Mehrmals haute Schorlemmer laut auf den Tisch. "Na, dann wollen wir mal die Angebote durchgucken, die auf sie und ihre Einsatzfähigkeit zutreffen. Sie hatten ja schon mal eine ABM-Stelle als Weisskohlbesprecherin auf einem Bio-Bauernhof. Da kennen sie sich ja mit Pflanzen aus. Ich sag mal, wir können sie für das nächste halbe Jahr als Assistentin vom Blumentopflochbohrer in der Behindertenwerkstatt "Corinna Mey" einsetzen. Morgen geht's los, viel Spaß, Frau W. und lassen sie ihre Nummer hier, nicht dass sie damit auf dem Gang einen schwunghaften Handel treiben!" Das war es also, das Resultat von drei Stunden Aufenthalt im Arbeitsamt. Marlies W. hatte einen neuen Scheißjob an Land gezogen, ähnlich sinnlos wie ihr letzter bei einer Bauerngemeinschaft. Feldrandabstandsbestimmung war ihre Aufgabe gewesen. Im Winter. Als alles voller Schnee lag. Als weder Felder noch Feldränder zu sehen waren! Idiotisch war das! Das hatte sie auch dem Oberbauern gesagt. Und was sagt der? "Sie sind doch ABM, was regen sie sich auf? Denken sie, wir geben Ihnen unsere gute, sinnvolle Arbeit? Hahaha." Dann hatte der dicke Bauer von seiner Wurst abgebissen und war in den Stall gegangen. Blödmann! Jetzt also Assistentin vom Blumentopflochbohrer in einer Behindertenwerkstatt. Das einzig gute an einer Arbeit in der Behindertenwerkstatt, dachte Marlies W., ist die Tatsache, dass ich dort nicht auf Klischeekollegen treffen werde. Jeder wird auf seine Art anders sein. Und zwar jeden Tag aufs neue. Aber sauer bin ich schon. Man wird ja nur erniedrigt durchs Arbeitsamt. Haben die da einen Wettbewerb laufen, von wegen "Der, der die bekloppteste ABM-Stelle vermittelt, darf eher nach Hause gehen??". Irgendwann ist Krieg! Irgendwann zünde ich denen das Dach überm Kopp an! Aber erst mal muss ich Jaqueline aus dem Kinderladen holen. Doch, halt, Moment, ich hab was vergessen. Marlies W. steuerte eine Telefonzelle an und kramte einen zusammengefalteten Margarinedeckel aus ihrer Tasche, auf dem sie sich eine Telefonnummer notiert hatte. Früher, als es ihr noch besser ging, konnte sie sich Telefonnummern noch auf Butterpapier notieren. Doch die fetten Jahre waren vorbei! Am anderen Ende der Leitung klingelte es mehrmals. Marlies W. wusste, dass der Mann, den sie anrief, jetzt grummelnd von seinem Laptop aufstehen würde, an dem er gerade eine Geschichte für seine Lesebühne schrieb, dann wurde der Hörer auch schon abgehoben. Der Mann sagte. "Ja?" "Ja, ….ich bin's, Marlies W." "Hallo Marlies, was gibt's?" "Ja, ich wollt nur mal fragen, ob Dir schon eingefallen ist, wofür das W. steht?" "Na, für einen Nachnahmen, der mit W. anfängt. Aber eigentlich ist es nur als komisches Element gedacht, das dann zum Tragen kommt, wenn ich Deine Tochter nur als Jaqueline W. vorstelle. Außerdem haben aufmerksame Geschichtenleser dann was zum reininterpretieren in die Geschichte, von wegen arme Arbeitslose, jetzt kürzt man denen nicht nur die Unterstützung, sondern auch noch den Nachnamen. Verstehst Du, Marlies W.?" "Ja, alles klar. Du, ich hab da aber noch ein anderes Problem." "Ja, welches denn?" "In meinem heutigen Tagesablauf spielt ein Sicherheitsstecker überhaupt keine Rolle. Ich weiß nicht, wo ich den unterbringen soll!" "Na, dann lassen wir ihn einfach weg. Ist doch nicht schlimm. Wer braucht schon täglich einen Sicherheitsstecker. Marlies, mach's gut, ich muss weiter schreiben." Und er hatte aufgelegt. Sie holte Jaqueline aus dem al-Hasra-Kinderladen, über dessen Eingangstür jetzt ein neues Schild mit der Aufschrift "Kinder Bin-Laden" hing. Sie war nur kurz irritiert, fragte ihre Tochter: "Na, was habt ihr Süßen heute gemacht??" "Dschihad!", kam es wie aus der Panzerfaust geschossen von unten. Ja, dachte Marlies W., danach ist mir jetzt auch. Aber echt!