Rindfleischetikettierungsüberwachungsgesetz
+ Fleischwolf
+ Warenabstandshalter
+ GJR, KVA, KKR, KJK, GO
+Contraproduktive Realität=
Mein elfter September von Nils Heinrich

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"Die Welt wird nie wieder so sein wie früher!" Wie oft haben wir seit der großen Abrissaktion am elften September vor zwei Jahren diesen Satz aus dem Mund eines fürs Wichtig tun hoch bezahlten Wichtigtuers gehört! Und wie oft haben wir uns beim Anblick von Angela Merkel gesagt: "Alles gelogen! Die Welt ist immer noch die Alte! Besonders diese Alte ist immer noch die alte!" Von wegen, die Welt wird nie wieder so sein wie früher. Die Welt sind ja nicht nur wir, die Welt, das sind auch die anderen, die Mongolen zum Beispiel. Bei denen ist auch alles noch beim alten. Den Mogolen ist der elfte September piepegal. Das ist für die wie zehnter September. Da verschwenden die nicht einen Gedanken dran! Die machen sich zum Beispiel auch im Gegensatz zu uns jetzt gerade um den elften September herum keine Gedanken darüber, dass die Pickelsirene Daniel Küblböck mit 18 Jahren schon seine Memoiren veröffentlicht. Den Mongolen ist das wurscht! Uns dagegen sollte es nicht wurscht sein, dass es in der Mongolei im Gegensatz zu uns immer noch kein Rindfleischetikettierungsüberwachungsgesetz gibt. Was ist das überhaupt? Wozu braucht man das? Wer hat was davon? Und muss das nicht entsetzlich langweilig sein, von einem Gesetz zur Überwachung von Rindfleischetikettierung oder -etiketten oder -etikettierern gezwungen zu werden? Warum soll man eigentlich Rindfleischetiketten oder -etikettierung überwachen? Ist das was Extremistisches? Ist denn jetzt jeder, der nichts ahnend Rindfleisch, Rindersteak, Rinderhüftsteak, Kalbsleberwurst, durch den Fleischwolf gedrehtes Rindermett oder Rinderzunge etikettiert, verdächtig? Sind wir schon wieder so weit? Ich hoffe nicht. Sonst muss sich jeder zweimal überlegen, ob er leichtfertig Rindfleisch etikettiert und damit quasi freiwillig in die Fänge des Systems gerät, was ja nach jedem Verdächtigen schnappt, seit die Welt nicht mehr die alte ist. Der elfte September, er ist der große Warenabstandshalter auf dem Laufband der Geschichte. Und wir sind die Kassiererin. Wir blicken zurück und erkennen: ah, ja, das war die Zeit vor dem elften September, dann kam er, und jetzt ist die Zeit nach dem elften September. Sauber getrennt durch einen oder besser gesagt zwei große Warenabstandshalter, auf denen steht: Buhuu, ich bin der 11. September! Ruf alle Deine Freunde an und sag ihnen, dass ich da bin! Ich weiß genau, was ich am elften September getan habe, und ich weiß vor allem, was ich nach dem elften September getan habe. Ich musste meine Lieblingsunterhose in den Kleidercontainer geben, weil sie mehrere Löcher hatte. So oft habe ich sie getragen, dass sie zum Schluss an besonders reibungsaktiven Stellen, also in der Ritze zum Beispiel, richtig abgenutzt war. A pro pos Kleidercontainer. Meine Mitbewohnerin warf neulich die berechtigte Frage in die Runde, warum man Schuhe da nur paarweise rein werfen soll. Es gäbe doch in der dritten Welt so viele Minenopfer, was sollen die mit einem Paar Schuhe? Denen reicht doch einer! Aber zurück zu meiner Unterhose. Die abgenutzten Stellen an ihr waren vollkommen transparent und ließen das meiste Licht durch, wenn ich meine Lieblingsunterhose am Fenster zum Hof gegen die Sonne gehalten habe. Was übrigens auch der Grund dafür ist, dass die Nachbarn gegenüber nie wieder freiwillig bei mir ins Fenster gucken. Am elften September 2001 war ich jung, knackige dreißig Jahre alt. Seitdem hat sich vieles verändert. Jetzt bin ich schon 32. Wie jeder ältere Mensch mache auch ich tagtäglich Anzeichen des fortschreitenden Verfalls an meinem Körper aus. Meine Nasenhaare wachsen schneller als noch vor zwei Jahren. Wenn ich länger vor dem Badezimmerspiegel ausharre, kann ich ihnen direkt beim Wachsen zugucken. Pro Woche muss ich sie fünfmal mit dem Langhaarschneider meines Elektrorasierers stutzen. Danach stutze ich damit die Haare, die aus den Ohren wachsen. Ich stelle auch fest, dass die Hornhaut an meinen Füßen immer härter wird. Bald brauche ich keine Schuhe mehr, denn harte Sohlen habe ich ja jetzt selber. Manchmal wache ich schweißgebadet auf, weil ich mir im Traum beim Duschen nicht mehr selber die Rosette waschen konnte und mein Zivi sich weigerte, meiner Aufforderung "Mach mir mal schön die Ritze sauber" nachzukommen. Der Verfall ist zwar da, aber noch kann ich etwas dagegen tun. Ich sorge zum Beispiel dafür, dass meine Gesichtshaut frisch und sauber bleibt. Allabendlich vor dem zu Bett gehen rubbel ich mir einen mit pH-neutraler Seife bedeckten Waschlappen über das Gesicht. Damit bekämpfe ich die Bakterien auf meiner Gesichtsepidermis. Bakterie ist ein garstiges Wort. Bakterie klingt fast noch schlimmer als Terrorist. Es gibt Bakterien, die sind genau so schlimm oder fast noch schlimmer als Terroristen. Ich bekämpfe sie auf meiner Gesichtshaut Tag für Tag. Das ist mein Kampf gegen den Terror. Meine Operation Enduring Freedom. Auch in der Wohnung sind Bakterien. In der Küche, ganz viele! Doch ich kann mich nicht um alle Bakterien kümmern. Ich sage meiner Mitbewohnerin, sie solle sich in der Küche dem Kampf gegen den Terror widmen. Sobald sie damit angefangen hat, sehe ich es als meine Pflicht an, der mit einem Scheuerlappen auf dem Boden knieenden moralische Unterstützung zu geben. Ich erzähle ihr davon, was sich seit dem elften September für mich alles geändert hat und das wir es schaffen werden. Ich erstaune sie mit meinen Überlegungen, von welcher Hilfsorganisation ich mir in zwei Jahren meinen Zivi kommen lasse. Dann weiß ich nämlich nicht mehr wie ich heiße und die Gesundheitsreform hat auf dem Hilfsorganisationsmarkt für Massenhafte Neugründungen mit flotten Namen gesorgt: GJR: Gerne jederzeit am Rumkommen KVA: Kriegen viele Aufträge KKR: Kacken, Kotzen, Reinigen KJK: Kochen, Jucken, Katze füttern GO: Gerne, Opa! Ich schwärme meiner Mitbewohnerin vor, wie toll es ist, die Freiheit der großen Auswahl zu haben. Sie sagt mir, dass ich durchaus die Freiheit habe, ihr jetzt beim Putzen der Küche zu helfen. Ich denke mir: "Jetzt nur nichts falsches sagen. Ich habe mal von einem gehört, der erschlagen wurde, weil ihm keine Ausrede mehr eingefallen ist!" Und darum sage ich meiner Mitbewohnerin: "Freiheit ist aber immer auch die Freiheit der Andersdenkenden!" Und werde von dem in mein antibakterielles Gesicht klatschenden Scheuerlappen brutal und nass ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Verdammte Contraproduktive Realität!
Copyright: Nils Heinrich