Aufknuspertaste,
+ Konstantin Wecker,
+ Bratwurstwender,
+ Wurstwasser,
+ Präsidentensuite=
Aufknuspertaste von Heiko Werning
(With special respect to Kettcar für ihren grandiosen Song "Im Taxi weinen")

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"Karsten Speng, Sie haben gewonnen!", stand da in fetten Buchstaben als Betreff des Schreibens, das nur knapp dem Altpapierstapel entgangen war. Aus den Augenwinkeln fiel ihm doch noch auf, dass dies nicht der übliche Werbe-Ramsch war, mit gefälschten Zustellungsurkunden und angeblich persönlich für ihn reservierten Losen, dieser Brief hier war irgendwie anders. Er hatte also gewonnen. Warum? Wobei? Und was? Letztere Frage wurde ihm leider nicht beantwortet, der Rest erschloss sich ihm nun nach und nach aber doch. Ja, bei irgendeinem Straßenfest hatte er eine Karte ausgefüllt, und da stand etwas von Tausenden toller Preise, und einer davon war ihm nun offensichtlich zugesprochen worden. Gewonnen, dachte er, und fand, dass das so gar nicht zu ihm passte. Es ging ihm nicht schlecht, aber er lebte in bescheidenen Verhältnissen, viele blickten sicherlich mitleidig auf ihn herab, aber er hatte sich arrangiert, das war eben sein Leben, und er empfand es beinahe als unerwünschte Einmischung von außen, dass er nun plötzlich Glück gehabt haben sollte, dass man von ihm erwarten würde, er müsse sich jetzt ganz doll freuen, dass die wohlhabeneren Leute ein gütiges Lächeln auflegen könnten und sich vertraulich zuflüsterten, da habe es ja wenigstens mal den Richtigen getroffen, der kann das doch wirklich brauchen, was sollen wir auch mit einem dritten Porsche, Schatz. Kurzum: Er fühlte sich unbehaglich. Zunächst überlegte er, ob er den Brief nicht doch einfach wegwerfen sollte, er wollte keine Veränderung in seinem Leben. Er meinte sich zu erinnern, dass auf der Karte mit dem Preisausschreiben von einem Auto die Rede gewesen war. Nur einmal angenommen, er hätte das tatsächlich gewonnen - was hätte er damit anfangen sollen? Zur Arbeit fuhr Karsten mit der BVG, zu seinen Bekannten auch, er würde gar nicht recht wissen, wie er mit dem Auto dorthin kommen sollte, er kannte nur seine Strecken, Fahrpläne und Verbindungen. Gut, er könnte ins Grüne fahren, einfach mal raus. Er war seit 20 Jahren nicht mehr rausgefahren. Für Urlaub reichte sein Geld nicht, aber letztlich zog ihn einfach auch nichts weg von zu Hause. Wenn der Preis eine Reise sein sollte, wäre ihm also auch nicht geholfen. Trotzdem schaffte er es nicht, das Schreiben einfach wegzuwerfen. Das ärgerte ihn. Die Geschichte zwang ihn zu irgendeiner Aktion. Er war es gewohnt, dass sein Leben einfach passierte. Nun musste er eine wirkliche Entscheidung treffen: Hole ich den Preis ab oder nicht? Er fluchte, als er sich zu dem großen Kaufhaus aufmachte, das dieses Preisausschreiben veranstaltet hatte, und wo man ihn über seinen Gewinn informieren wollte. Im Kundeninformationszentrum des Kaufhauses wurde Karsten freundlich empfangen und beglückwünscht. Seinen Preis konnte er gleich mitnehmen. Es war ein Toaster. Er war erleichtert. Das passte irgendwie zu ihm. Zwar hatte er keinen Toaster, und bislang hatte er ein solches Gerät auch nie vermisst, aber sein Besitz erschien ihm unproblematisch. Er würde es sogar benutzen, warum nicht, sich ab und zu mal ein Toastbrot zuzubereiten, das lag durchaus im Rahmen seiner Möglichkeiten, soviel Neues ließ er zu, es würde sein Leben sicher bereichern. Er freute sich letztlich wirklich und aufrichtig, als er aus der U-Bahn ausstieg. Er freute sich darauf, das Gerät auszupacken und sich ein Toast zu machen. Auf dem Weg von der Station nach Hause ging er noch schnell in den kleinen Supermarkt, erwarb eine Packung Toastbrot, und mit leicht beschwingter, aber auch nicht gerade euphorischer Vorfreude betrat er schließlich seine Wohnung. Er packte das Gerät aus und betrachtete es. Seltsam, dachte er, das sieht schon anders aus, als die Toaster, die er aus seiner Kindheit kannte. Zuhause hatten sie damals einen gehabt, aber der war ganz anders: ein Kasten, zwei Schlitze, ein Hebel, um den Brotträger nach unten zu drücken, womit gleichzeitig die Heizschleifen ansprangen und der Toastvorgang seinen vorherbestimmten Verlauf nahm. Wenn´s soweit war, gab es ein klackendes Geräusch, und die getoasteten Brote hüpften freudig heraus - und fertig. Diese Erinnerung im Kopf, betrachtete er seinen neuen Toaster. Es handelte sich um einen Langschlitztoaster, wie die bunte Verpackung verhieß, 700 Watt, mit Röstgradelektronik für gleichmäßige Bräunung, einstellbarem Bräunungsgrad, einer Krümelschublade, einer Auftautaste und einer Aufknuspertaste mit LED-Anzeige. Wozu um alles in der Welt brauchte er eine Aufknuspertaste? Mit LED-Anzeige? Und einen einstellbaren Bräunungsgrad? Er hasste es. Schon wieder würden Entscheidungen von ihm verlangt. Er wollte sich einfach nur ein Toast machen, nach Jahrzehnten das erste, er wollte einfach eine Brotscheibe in dieses Gerät schieben und dann nach kurzer Zeit ein fertigs Toast entnehmen. Warum musste er nun schon wieder entscheiden, welchen Bräunungsgrad er wollte. Das gab es früher doch auch nicht! Da kam das Toast gebräunt aus dem Apparat, und fertig! Er spürte deutlichen Unwillen, beschloss aber dennoch, sich die Laune dadurch nicht vollständig verderben zu lassen. Er entschied sich einfach für die mittlere Einstellung, stellte die Funktion "Toasten" ein, und los ging es. Während er darauf wartete, dass seine Brote fertig würden, fiel sein Blick auf den Kalender. Ein Schreck durchfuhr ihn. Verdammt, das hatte er ganz vergessen! Er hatte mit einem Kollegen die Schicht getauscht, natürlich, am Morgen hatte er noch daran gedacht, dann hatte diese Gewinn-Geschichte ihn völlig aus dem Konzept gebracht, und nun war er schon zu spät dran. Als er aus der Wohnung stürzte, hörte er noch das klackende Geräusch des Toasters - seine Brote waren fertig. Nach der Arbeit war er müde. Er mochte es nicht, wenn Schichten getauscht wurden, er tauschte seine Schichten nie, aber wenn ein Kollege ihn bat, war er natürlich bereit, obwohl es ihn jedesmal aus seinem Rhythmus brachte; die ganze Woche Frühschicht, dann plötzlich ein Tag spät, am nächsten wieder früh, das war ihm nichts. Und nun war er nicht einmal rechtzeitig aus der Halle gekommen, um seinen Nachtbus zu erreichen. Wie immer in dieser Situation ging er zum "Wurstparadies" rüber, bestellte ein Bier und eine Bratwurst. Der Mann in der Pommesbude holte gerade neue Würste aus ihrer Verpackung, ließ das Wurstwasser abtropfen und legte sie schließlich auf den Grill mit dem automatischen Bratwurstwender, von dem er ihm immer wieder gerne vorschwärmte. Der automatische Bratwurstwender war der ganze Stolz des Imbissbesitzers. "Früher musste ich jede Bratwurst einzeln drehen, und wenn viele Kunden da waren, lagen sie einen Moment zu lange auf einer Seite und waren schwarz, und dann haben die Kunden genörgelt, und wenn ich mal nicht aufgepasst habe, waren sie sogar so schwarz, dass ich die Würste nur noch dem Hund von Ede geben konnte, aber der hat dafür natürlich nicht bezahlt, aber heute, mit dem Bratwurstwender, kann gar nichts mehr passieren, und die Würste werden wunderbar gleichmäßig braun!" Er dachte an seinen Toaster. Vielleicht war gleichmäßige Bräunung ein Vorteil, den er noch nicht ausreichend zu würdigen wusste. Ein kräftiger Mann betrat die Imbissbude. Auch gleichmäßig gebräunt, war das Erste, was Karsten an dem Eintretenden auffiel, passt irgendwie nicht hierher: zu gut gekleidet, zu sicher im Auftreten. Noch 10 Minuten bis zum Nachtbus. Der Mann bestellte eine Bratwurst und sprach Karsten gleich an. Eigentlich mochte Karsten es nicht, in Gespräche verwickelt zu werden, er war eher ein wortkarger Typ. Der Mann aber ließ ihm keine Wahl, er war sehr mitteilungsbedürftig. Also tat Karsten, was er immer tat: Er fügte sich. Der Mann wirkte traurig. Er sei sehr glücklich und zufrieden, begann er seine Ausführungen, aber obwohl er seine Frau inbrünstig liebe, auch aufgrund ihrer Jugend - sie war Anfang 20, er ebenso wie Karsten Anfang 50 -, habe er doch manchmal das Gefühl... Der Mann redete ohne Unterlass weiter. Karsten war es gewöhnt, dass andere Leute ihm über ihr Leben klagten. Er selbst hatte eigentlich keinen Kummer. Er hatte keine Frau gefunden, und auch damit hatte er sich seit langem abgefunden, was ihn aber offenbar für unzufriedene Menschen zu einer Art Klagemauer machte. Er war daran gewöhnt. Nun aber wollte er seinen Nachtbus erreichen, doch der Mann hielt ihn auf. Er bezahle ihm gleich ein Taxi, er möge ihm aber noch ein bisschen Gesellschaft leisten, auf ein Bier und eine Wurst. Karsten war müde und wollte nach Hause, aber er gab nach. Drei Nachtbusse fuhren noch los, bis der Mann sich alles von der Seele gesprochen hatte. Karsten wusste nun, dass es sich um Konstantin Wecker handelte, von dem er nie zuvor gehört hatte, aber angeblich handelte es sich um einen berühmten Liedermacher, der gerade zu den Aufnahmen für eine Benefiz-Gala zugunsten irakischer Kinder in der Stadt war und in der Präsidentensuite des Hotels Adlon untergebracht war, was eigentlich ja gar nicht gehe, aber da für die Produktion das gesamte Hotel angemietet worden war, habe er ausnahmsweise die Suite bekommen, was er sehr aufregend gefunden habe, aber schon jetzt nach zwei Nächten habe er das nicht mehr ertragen und wäre einfach mal mit der U-Bahn irgendwohin gefahren, um mal einen einfachen, ganz normalen Stadtteil von Berlin zu sehen, und dabei habe er mal wieder richtig nachgedacht und sei schließlich zufällig in dieser Imbissbude gelandet, und es täte ihm gut, mal wieder mit einfachen Leuten zu sprechen. Wecker rief ein Taxi für Karsten, bezahlte den Fahrer im voraus, und während sie fuhren, dachte Karsten, dass es ja schon irgendwie angenehmer war, so chauffiert zu werden, als mit dem Nachtbus zu fahren und am Hackeschen Markt auf den Anschlussbus immer 20 Minuten warten zu müssen. Als er zu Hause ankam, ging er in die Küche und fand die beiden Brotscheiben, die aus seinem neuen Toaster hervorlugten. Stimmt schon, dachte er da, ein bisschen Luxus ist wirklich nicht so schlecht. Er betätigte die Anknuspertaste, und bald darauf hatte er zwei wunderbare, knusprige Toasts auf dem Teller, die er belegte und genüsslich aß. Eigentlich war es doch ein guter Tag gewesen, dachte er, als er schließlich im Bett einschlief und sich vorstellte, wie Konstantin Wecker in seiner Präsidentensuite lag und weinte. Und morgen früh würde er sich Toastbrot zum Frühstück machen.
Copyright: Heiko Werning